FAZ 16.09.2026
16:15 Uhr

Emmy-Gewinner „Pluribus“: Wenn alle alles wüssten


Die Serie „Pluribus“ hat sechs Emmys gewonnen. Vince Gilligan stellt ein  sozialphilosophisches Gedankenexperiment an, das von Karl Marx inspiriert sein könnte und auf eine Kritik der KI-Ökonomie hinausläuft.

Emmy-Gewinner „Pluribus“: Wenn alle alles wüssten

Man stelle sich vor, man könnte plötzlich alle Sprachen der Welt sprechen, hätte sämtliches Kulturgut der Menschheit im Kopf, könnte alle Fähigkeiten, Erfahrungen und Erinnerungen anderer Menschen abrufen. Und weil alle alles wüssten, auch vom Leid der anderen, könnte kein Mensch mehr das Glück anderer Lebewesen kompromittieren wollen, also nicht mehr töten, stehlen, lügen oder sich über andere erheben. Dieses Gedankenexperiment wagt Vince Gilligan, der Erfinder der Fernsehserien „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“, in seinem jüngsten Werk „Pluribus“. Die neunteilige erste Staffel, die in Deutschland über den Streamingdienst Apple TV zu sehen ist, wurde am 14. September 2026 mit sechs Emmy-Preisen ausgezeichnet. Der Weg zur allwissenden, moralisch geläuterten Menschheit ist in der Serie kein philosophischer, sondern ein pathologischer: Ein Team von Astronomen in New Mexico fängt Funksignale aus dem Weltraum ab und entschlüsselt deren Aufbau als RNA-Sequenz. In einem Genlabor der US-Army wird diese synthetisiert und schließlich in Tierversuchen auf körperliche Wirkungen getestet. Durch einen Laborunfall steckt sich eine Biologin an einer infizierten Ratte mit dem Virus an und überträgt ihn mit einem Kuss auf ihre Kollegen. In Windeseile wird es auf der ganzen Welt verbreitet, etwa über Aerosolspuren aus Flugzeugen. Alle Menschen stecken sich an, bis auf dreizehn weltweit, die dagegen immun zu sein scheinen. Der Geist des Bienenschwarms Eine von diesen ist die Bestsellerautorin Carol Sturka (Rhea Seehorn), Protagonistin der Serie, die gerade mit ihrer Ehefrau und Managerin Helen auf Lesetour war, um ihren neuen Roman vorzustellen. Helen fällt auf den Kopf, als sie sich ansteckt, und Carol muss zusehen, wie sie stirbt. Einige Hunderttausende kommen durch infektionsbedingte Unfälle ums Leben. Alle Überlebenden werden durch das Virus zu dauerhaft glücklichen, friedlichen Menschen, deren Gedanken sich zu einem geteilten Bewusstsein verbinden: Aus vielen wird eines, wie es der Wappenspruch auf dem Großen Siegel der Vereinigten Staaten verheißt, „e pluribus unum“; der „hive mind“, der Geist des Bienenschwarms, wird globale Realität. Carol versteht die Welt nicht mehr und sucht verzweifelt nach Mitteln, die telepathische Vereinigung aller anderen rückgängig zu machen. Der Schwarm hingegen versucht, die hinterbliebenen Individuen zu integrieren. Dazu schicken die vereinten vielen den letzten Vereinzelten jeweils eine furchtbar hilfsbereite „Chaperone“ als Betreuerin vorbei, die Carol und den anderen Nichtinfizierten das Leben als immerglücklicher Schwarmmensch schmackhaft machen soll. Als kollektive Intelligenz teilen die Infizierten sämtliches Wissen und alle Fähigkeiten. Arbeitsteilung ist überflüssig, weil alle alles können; nur notwendige Tätigkeiten werden verteilt, um mit minimalen Ressourcen das Überleben des Schwarms sicherzustellen. Ein exklusives Gewaltmonopol existiert nicht mehr: „Entweder hat niemand zu bestimmen, oder alle haben zu bestimmen“, erklärt ein Schwarmmensch Carol, die versucht herauszufinden, wer für all das verantwortlich ist. Die gestelzten Dialoge zwischen Carol und den diensteifrigen Schwarmmenschen erinnern dabei stets an Interaktionen zwischen Prompter und großen Sprachmodellen wie ChatGPT, die nach kurzer Zeit alle Fragen nach bestem (ihnen verfügbarem) Wissen beantworten. Der Verstand des Schwarms richtet sich immer danach, die Handlungen mit allen anderen zu koordinieren. Aus dem Kontext der Maschinenfrage Das akkumulierte gesellschaftliche Wissen und die dadurch ermöglichten Produktivkraftsprünge der Allgemeinheit zugutekommen zu lassen, klingt in Zeiten ihrer privaten Aneignung durch KI-Unternehmen im Silicon Valley wie ein unerreichbares Projekt. In seinem berühmten Manuskript „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ aus den Jahren 1857 und 1858, der Theorieskizze für „Das Kapital“, hat Karl Marx dieses unverwirklichte gesellschaftliche Potential unter dem Begriff des „general intellect“, eines „allgemeinen Verstandes“, verhandelt. Marx, der den Begriff aus dem Kontext der in England im frühen neunzehnten Jahrhundert unter anderem von William Thompson verhandelten „machinery question“ übernahm, extrapolierte damit eine Entwicklung, in der wissenschaftlich-technologischer Fortschritt die notwendige Arbeitszeit minimiert und „Zeit für die volle Entwicklung des Individuums“ ermöglicht. Würde dies verwirklicht, wäre dem Kapital aber seine Wertgrundlage genommen: „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein.“ Es gelingt Marx in diesen Passagen, die Ironie der vom Kapital initiierten Produktivkraftentwicklungen herauszuarbeiten: Obwohl die Arbeitszeit, die vom Kapital in Form von Mehrwert angeeignet wird, Grundlage der Kapitalakkumulation ist, strebt das Kapital selbst nach Arbeitszeiteinsparungen und macht daher zunehmend die Beschäftigten überflüssig, die das Produzierte auch kaufen könnten: „Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch.“ Technologisch könnte so die Arbeitszeit aller minimiert werden, dafür würde ihnen „freie Zeit, die sowohl Mußezeit als Zeit für höhre Tätigkeit ist“, zuteil. Für eine solche Emanzipation müsste „die Arbeitermasse selbst ihre Surplusarbeit sich aneignen“. Die Verwirklichung des „general intellect“ bleibe im Kapitalismus jedoch notwendig verhindert, legte Marx dar, weil das Kapital fortwährend Gelegenheiten schaffe, die gewonnene Zeit in Mehrarbeit und somit Profit umzusetzen. Pflanzenschutz inbegriffen In „Pluribus“ wird ein Reich des allgemeinen Verstandes insofern entworfen, als das vereinigte gesellschaftliche Wissen und die Zeit der Arbeiter nicht mehr zugunsten von Partikularinteressen angeeignet werden, sondern alle Schwarmmenschen (in Fanforen abschätzig „plurbs“ genannt) nur noch so produktiv sind, wie zum Fortbestand der Weltgesellschaft unbedingt nötig ist. Im Schwarm gibt es keine konfligierenden Interessen mehr; allen stehen nur die Güter zu, die der unmittelbaren Lebenserhaltung dienen, und es ist ihnen dabei außerdem nicht möglich, andere Lebewesen dazu in Mitleidenschaft zu ziehen – Pflanzen inbegriffen. Sie ernähren sich von Restbeständen und entwickeln bald einen Proteinshake mit zweifelhafter Zusammensetzung. Dass die „plurbs“ nicht einmal Äpfel vom Baum zu pflücken imstande sind, um sich zu ernähren, mag zunächst an die Unheilsgeschichte von Adam und Eva erinnern, wo das verbotene Pflücken des Apfels bekanntlich zur Selbsterkenntnis führt. Diese bleibt den Schwarmmenschen verwehrt. Es ist außerdem naheliegend, ihnen schlicht einen konsequenten Utilitarismus zu unterstellen. Näher kommt man der Ethik der Schwarmmenschen aber mit einem Blick zum Jainismus - einer transtheistischen Religion aus Indien, die für das Ideal der Nichtverletzung von Lebewesen steht. Ihre wichtigsten Lebensprinzipien sind Gewaltlosigkeit gegenüber allen beseelten Existenzformen, Unabhängigkeit von unnötigem Besitz und Wahrhaftigkeit. In der Interaktion mit Schwarmvertretern fallen Carol diese Eigenschaften mit Befremden auf: „Eager to please“; „Can't kill, not a fly“; „Don't play faves, like all jerks same“; „Weirdly honest? + Can't lie“, notiert sie. Carols Lebensweise stellt im Grunde die Antithese der kollektivistischen Schwarmgesellschaft dar: Sie lebt allein in einem großen Haus, lässt sich beliefern, bedienen und herumkutschieren, spielt Golf, klaut sich Kunstwerke fürs eigene Zuhause und will sich in allen Dingen nur eigenen Regeln fügen - ein libertäres Projekt. Schon vor dem „Joining“ hat Carol ihre Vereinzelung ostentativ markiert - etwa mit überheblichem Verhalten gegenüber Fans ihrer Romane oder damit, dass sie sämtlichen Frust ausgerechnet mit dem Whiskey „Writers' Tears“ herunterspült. Weder Carol noch die globalstädtische Plebs kommen in „Pluribus“ gut weg. Carols individualisierter Zugriff auf die Arbeitszeit anderer und auf natürliche Ressourcen wird als problematisch dargestellt. Aber auch die Konfliktfreiheit der „plurbs“ mutet dystopisch an: Indem die verbundenen Menschen alles Wissen in der Gesellschaft miteinander teilen, vollziehen sie eine perfekt effiziente Planwirtschaft. Darin gibt es aber auch keinen Bedarf mehr, sich zu bilden, Kunst zu schaffen oder Mehrdeutigkeiten zu interpretieren. Die Serie „Pluribus“ zeigt, warum es fatal ist, wenn wir diese menschlichen Fähigkeiten auslagern. Eine Gesellschaft, in welcher der „general intellect“ im Marxschen Sinne verwirklicht wäre, wüsste das.