Ja, es sind nur drei Punkte bis Zweitligarang acht. Ja, ein Generalumbruch im Team benötigt Zeit. Ja, wichtige, als Stützen der neu formierten Mannschaft vorgesehene Profis fehlen verletzungsbedingt. Und ja, Ruhe zu bewahren angesichts des schwachen Saisonstarts – wie es die „Lilien“ bislang tun – ist richtig. Besonnenheit ist bei der Führung des SV Darmstadt 98 kein aufgesetztes Merkmal, sondern ist ihr wahrhaft zu eigen. Nur sollte vor lauter Ruhe und Besonnenheit nicht der klare Blick vernebeln auf Konstellation und Status quo. Denn die Auftritte der Mannschaft geben allerlei Grund für ernsthafte Besorgnis. Die Südhessen sind mit ihren vier Punkten, fünf erzielten Treffern (schlechtester Wert der Liga) und 13 Gegentoren (zweitschlechtester Wert) aktuell zu Recht Tabellenletzter. Es hakt an allen Ecken und Enden In keinem der sechs Spiele – überwiegend gegen Teams, die ebenfalls schwach oder unterhalb der eigenen Erwartungen gestartet sind – waren die „Lilien“ das bessere Team. Nicht mal annähernd. Es hakt an allen Ecken und Enden. Es wirkt nach einer gemeinsamen Sommervorbereitung plus sechs Saisonwochen noch arg konturlos, was die „Lilien“ auf dem Platz zum Vortrage bringen. Schlimmer noch: Es ist bislang nicht ersichtlich, welche Stärken die Equipe verkörpert: gelingendes Angriffspressing, schnelles Umschalten, kontrollierender Ballbesitzfußball oder gewissenhafte Abwehrarbeit? Nichts sticht heraus. Trainer Florian Kohfeldt ist nun besonders gefordert, zu beweisen, dass er die Mannschaft wieder flott und zu Siegen kriegt. Seit März (!) gab es in der Liga nur den unlängst glücklich errungenen Heimsieg gegen Bielefeld – eine Horrorbilanz, die an den meisten Standorten hierzulande eine Trainerdiskussion entfacht hätte. Es liegt auch an Kohfeldts ausgeprägten Stärken in Auftreten und Kommunikation, dass der Betrieb noch nicht vollends im Krisenmodus fährt. Verbindende Erlebnisse für das nicht zusammengewachsene Team? Nun braucht es Kohfeldts ebenso vorhandene Stärke in der Lehre. Der Fußballlehrer hat in den vergangenen Wochen nach verlorenen Spielen wahlweise „fehlende Ernsthaftigkeit“ und „Naivität“ bei seinen Profis moniert. Er täte gut daran, die dreiwöchige Länderspielpause wie eine zweite Saisonvorbereitung zu nutzen, um an Grundsätzlichem zu arbeiten. Dass der Tross davon eine Woche auf einer lang geplanten Reise ins texanische San Antonio verbringt, muss nicht schlecht sein. Weil es belebend sein kann, raus aus dem Alltag am Böllenfalltor zu kommen und dem offensichtlich nicht zusammengewachsenen Team ein paar verbindende Erlebnisse zu verschaffen. Es bleibt die Frage, wie viel Ballast sich bei Trainer und Mannschaft schon angesammelt hat nach der schier weggeworfenen Aufstiegschance im Vorjahr und dem miserablen Start in diese Saison. Hat die „Lilien“ schon die sich selbst verstärkende Eigendynamik des Misserfolgs erfasst? Die kommenden Spiele werden es zeigen. Sechs Partien sind gespielt, weitere sechs werden Kohfeldt und sein Stab nicht bekommen, um in die Spur zu finden. Die Zweitligageschichte ist voll von Teams, die individuell zu gut waren, um im Abstiegskampf zu versinken. Eigentlich zu gut. Die Schonfrist ist vorbei.
