Vor zwei Jahren ermittelte die BKA-Fallanalytikerin Gloria Acheampong (Thelma Buabeng) in „Die Polizistin und die Sprache des Todes“ zum ersten Mal im ZDF, jetzt geht es in die zweite Runde. Schon in diesem Film konnte man die Handschrift von Lars Becker, Schöpfer so bemerkenswerter Krimireihen wie „Nachtschicht“, „Der gute Bulle“ oder „Unter Feinden“ sehen, dieses Mal wird sie noch deutlicher, denn Becker schickt sein Personal auf ihm und uns vertrautes Terrain. Nicht, wie im ersten Fall, ins dünn besiedelte flache Nordfriesland, wo man ein Fremdeln des Autors und Regisseurs bemerkte, aber der Rassismus, um den es ging, deutlicher zutage treten konnte. Sondern nach Frankfurt am Main, mitten ins Bahnhofsviertel. Das ist ein gern genommener Schauplatz, wenn es um Rotlichtverbrechen, Zwangsprostitution oder Geldwäsche geht, aber Beckers Dreh ist ein anderer. Großstadtdreck, Hinterhöfe, Drogenelend und eine Menge authentisch unschöner Ansichten von Frankfurt bilden den Prospekt dieses Milieu-Krimis um einen erschossenen verdeckten Ermittler der Frankfurter Polizei. Dem Regisseur Becker geht es indes um die Menschen, die hier leben; die beispielsweise Copyshops betreiben, in Klubs auflegen oder als Flugbegleiterinnen Heimat zwischen Langstreckenabwesenheiten finden. Und dann wären da noch Nachtetablissementeigentümer, die sich im Taunus protzige Villen leisten, verrohte Drogenkuriere mit Aggressionsproblemen, halbseidenes Barpersonal und auf ihre Weise ehrbare Türsteher mit klaren Prinzipien. Alles auf engem Stadtraum. Rapper mit Starappeal und Drogenproblemen Gelegentlich fühlt man sich in „Die Polizistin und die Todesstille“ an die Netflix-Doku „Babo“ über den (ehemals) drogenabhängigen Rapper Haftbefehl erinnert. Zum Personal gehören auch hier Rapper mit Starappeal, die allesamt ein Drogenproblem haben. Und, ganz Lars-Becker-mäßig, Verbindungen zur organisierten Kriminalität, mindestens über Umwege. Das Thema Rassismus ist dieses Mal so gut wie erledigt. Obwohl Gloria Acheampong, in Ghana geboren, erst die zweite schwarze leitende Ermittlerin im Fernsehen hierzulande und das Thema (Alltags-)Rassismus gesellschaftlich keineswegs zu den Akten zu legen ist. Eher im Gegenteil. Wie die „Tatort“-Kommissarin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba), die eine Zeit lang an der Seite von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in Göttingen ermittelte, ist diese BKA-Polizistin nicht nur schlau und kaum zu irritieren, sie ist auch kompetenter und gewiefter als ihre Kollegen. Um die moralische Integrität freilich ist es bei Acheampong dieses Mal eher soso bestellt. Sie kannte das Opfer, und zwar ziemlich gut. Andeutungen genügen, bei Becker gibt es kein Gefühlsgelaber, kein Seelenschmerzschürfen, auch nicht immer lückenlose Logik oder stringente Anschlüsse. Dafür szenische und visuelle Konzentration auf die Dynamik zwischen den Figuren und die Wendungen der Ermittlungen (Kamera Alexander Sachs). Dass der Rapper und DJ Nikki Caspari (Marc Benjamin) ausgerechnet dann eine teure Taunus-Immobilie besichtigt, als auf dem Feld hinter dem Haus die Leiche des V-Manns Yunis Zouaï (Alexander Milo) gefunden wird, ist kein Zufall. Beide kannten sich aus dem Klub von Leon Graf (Carlo Ljubek), der einen Deal mit fünf Tonnen Kokain plant. Grafs Frau Debbie (Almila Bagriacik) ist zwielichtiger als gedacht und spielt ein falsches Spiel, als Nikkis Partnerin Emma (Haley Louise Jones) Hilfe sucht. Denn der Rapper verschwindet spurlos. Acheampongs Chef Boris Lambert (Tobias Oertel) und seine Mitarbeiter Milan Stepanovic (Slavko Popadic) und Ronny Engels (Nico Holonics) brauchen ihre Unterstützung dringend, weshalb sie zu Beginn der Geschichte direkt vom Flughafen kommt, scheinen aber ebenfalls nicht mit offenen Karten zu spielen. Die Lage im Präsidium verkompliziert sich, als LKA-Frau Violetta Kramer (Nadeshda Brennicke) der Ermittlerin ihre Geschichte von der flüchtigen Bekanntschaft mit dem V-Mann Zouaï nicht mehr abnimmt. Mehr noch, unter den Beamten scheint es Maulwürfe zu geben. Nicht lang, und jeder arbeitet gegen jeden, oder so scheint es. Bis zum Showdown mit mehreren gezückten Waffen. Eine dritte Folge scheint gewiss. Noch ist Thelma Buabeng nicht fertig mit den Verbrechern, Violetta Kramer nicht mit ihr und wir Zuschauer nicht mit ihnen. Die Polizistin und die Todesstille läuft an diesem Montagabend um 20.15 Uhr im ZDF und im ZDF-Stream.
