Sven Hoffmeister kann sich noch gut an seinen ersten Arbeitstag als Torwarttrainer am Bruchweg erinnern. Am 25. September 2014 war das, „Hoffe“, wie ihn alle nennen, war vom KSV Hessen Kassel zum FSV Mainz 05 zurückgekehrt, dessen Profikader er einst fünf Jahre lang angehört hatte. „In meiner allerersten Einheit mit den jungen Torhütern war Finn Dahmen einer von vieren“, sagt er. Einer von vieren – nicht einer von vielen. Der damals 16-Jährige war zwar der schmächtigste unter den Talenten: „Aber er war einfach gut“, sagt Hoffmeister: „Sein Bewegungsablauf, seine Techniken, wie er die Bälle festgehalten hat. Man konnte auf Anhieb sehen, dass er das Spiel verstanden hat und wusste, wie er sich positionieren muss.“ In seinen mittlerweile zwölf Jahren am Mainzer Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) hatte Hoffmeister etliche Keeper unter seinen Fittichen, denen er den Sprung in den Profifußball zutraute. Geirrt hat er sich kaum einmal. Dahmen hat es, wenn man so will, von allen am weitesten gebracht: Die heutige Nummer eins des FC Augsburg ist einer der 44 Spieler, die der neue Bundestrainer Jürgen Klopp für die Nations-League-Partien nominiert hat. Als einziger Akteur gehörte Dahmen sowohl dem ersten Kader an als auch dem für die Spiele gegen Serbien und in Griechenland. „Sensationell“, sagt Volker Kersting über die Entwicklung des 28-Jährigen: „Finn hat sich das mit seinen herausragenden Leistungen in der Liga absolut verdient. Wir freuen uns ungemein für ihn, und die Berufung in die Nationalelf ist auch eine Bestätigung für die Arbeit all unserer Mitarbeiter, von den Trainern bis zu den Physiotherapeuten.“ Kersting kennt Dahmen seit der U11 Kersting, heute Direktor Nachwuchs der 05er, prägte die Jugendarbeit des Vereins schon im Nebenjob, als noch niemand ahnte, dass es dafür einmal den Begriff „Nachwuchsleistungszentrum“ geben würde. Er kennt Dahmen, seit der in die Mainzer U11 kam. Der Wiesbadener hatte bei den Bambini seines Heimatvereins FC Bierstadt begonnen und war mit acht Jahren zur Frankfurter Eintracht gewechselt. Abwerben mussten die Mainzer ihn von dort nicht, das hätten sie auch nicht gemacht. „Wir wussten zwar, dass er ein großes Talent war, aber wir reden über einen Zehnjährigen“, sagt Kersting: „Es war ganz einfach so, dass der Familie die Fahrerei nach Frankfurt zu aufwendig wurde.“ Also brachte sie den Jungen auf die andere Rheinseite. Die Jugendarbeit der Rheinhessen begann seinerzeit in der U8, inzwischen ist die U9 die unterste Altersklasse. Für noch jüngere Kinder bietet der Bundesligaklub ein Perspektivtraining an, „die Kids kommen einmal wöchentlich zu uns, bleiben aber in ihren Vereinen“. Nur in seltenen Ausnahmefällen stehe in den jungen Jahrgängen schon fest, wer später einmal Torhüter sein wird. Spezifisches Training erfolge frühestens von der U11 an. „Vorher kriegen die Jungs schon mal gezeigt, wie man als Torwart geschickt zur Seite fällt, ohne sich wehzutun. Mehr hat in diesem Alter aber noch keinen Sinn“, sagt Kersting. In den Spielen wechseln sich die Kinder daher im Tor zunächst ab, und irgendwann kristallisiert sich heraus, wer am besten geeignet ist, Bälle zu fangen. Wobei: Ausnahmen bestätigen die Regel. „Es kommt schon mal vor, dass einer der Jungs von sich aus sagt, er wolle Torhüter werden“, erzählt Kersting. Oder dass die Eltern ihren Buben auf dieser Position optimal aufgehoben sehen. „Das passt dann. Wir geben ebenfalls unsere Einschätzung ab, und dann muss sich der Junge halt der Konkurrenz stellen.“ Nach Torhütern scoutet Mainz gezielt erst von der U14 an Ein spezielles Torhüterscouting betreibe das Mainzer NLZ in den jungen Jahrgängen nicht, „das läuft im allgemeinen Scouting mit“. 24 Mitarbeiter setzt der Klub auf der Suche nach Talenten ein, zunächst in einem Umkreis von bis zu 120 Kilometern („Je älter, desto weiter“), von der U14/U15 an deutschlandweit. „Dann geht es aber auch gezielt um Keeper.“ Im Fall von Finn Dahmen zeichnete sich rasch ab, dass ein hoffnungsvolles Torwarttalent an den Bruchweg gekommen war, das auch kicken kann. „Finn ist mit dem Ball am Fuß außergewöhnlich gut, in einer Zeit, in der Torhüter verstärkt ins Aufbauspiel einbezogen werden, ist das einer seiner großen Pluspunkte.“ Sein Können stellte Dahmen auch schon mal im gegnerischen Strafraum unter Beweis: Im Regionalligaspiel der Mainzer U23 gegen den VfB Stuttgart II erzielte er im April 2018 in der Nachspielzeit das 1:1 – aus halber Drehung beförderte er den Ball, der nach einer Freistoßflanke in seinen Rücken geköpft worden war, mit der Hacke ins Tor. „Die Stürmer hatten es vorher nicht geschafft, deshalb dachte ich mir, ich muss selbst mal nach vorne“, sagte er hinterher. 70 Spiele bestritt Dahmen für die zweite Mannschaft der Rheinhessen, zur Saison 2019/20 stieg er zur Nummer drei im Bundesligakader hinter Robin Zentner und Florian Müller auf. Mit Müllers Wechsel zum SC Freiburg ein Jahr später hatte Dahmen das Glück, dass Trainer und Management auf ihn als Nummer zwei setzten, statt einen erfahrenen Mann von außen zu holen – und gleichsam das Pech, an Zentner nicht vorbeizukommen. Der hatte sich seinen Stammplatz über Jahre hinweg in einem harten Ringen erkämpft, war nicht gewillt, ihn wieder herzugeben, und blieb zu jener Zeit auch von langwierigen Verletzungen verschont. Auf viele Bundesligaspiele brachte Dahmen es deshalb für seinen Ausbildungsverein nicht. 2020/21 durfte er dreimal ran, in der folgenden Saison zweimal, in seinem letzten Mainzer Jahr immerhin achtmal. Seinen bislang größten Erfolg feierte er im Sommer 2021: Mit der deutschen U21 und seinem damaligen Vereinskollegen Jonathan Burkardt als Kapitän wurde er Europameister. „Er hat nicht die Statur eines Oliver Kahn“ Von Beginn an nahm er den nicht wenigen Skeptikern („Wächst der noch?“) den Wind aus den Segeln. „Es gibt ja unterschiedliche Torwarttypen, Finn war und ist der technische Typ“, sagt Sven Hoffmeister, der Dahmen bis zu dessen Wechsel ins Profilager trainierte. „Er hat nicht die Statur eines Oliver Kahn oder Manuel Neuer, mit 1,88 Meter ist er auch nicht der größte Torhüter. Aber er war schon immer ein Bewegungstalent und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Finn hat das Spiel verstanden und wusste genau, wie er sich zu positionieren hat. Dieses Talent hat er mitgebracht.“ Auf dieser Basis konnten sie im Nachwuchsleistungszentrum aufbauen. „Unsere Aufgabe ist es, Stephan Kuhnert als Torwarttrainer der Profis immer wieder Talente aus den eigenen Reihen zuzuführen, die er zu Bundesligatorhütern formen kann“, sagt Hoffmeister. Als er in Mainz begann, kümmerten sich lediglich zwei Disziplintrainer um den Torhüternachwuchs, er und Erik Strubel. „Inzwischen haben wir drei Hauptamtliche“, sagt Volker Kersting, „nämlich Hoffe, Toma Trocha und Mario Miltner und dazu zwei nebenberuflich Tätige. Wie in allen anderen Bereichen ist Mainz 05 auch in dieser Beziehung immer professioneller geworden.“ Wie gut die Verzahnung zwischen NLZ-Trainern und dem über allen stehenden Kuhnert funktioniert, verdeutlicht ein Blick auf jene in Mainz ausgebildeten Keeper, die neben Zentner, Dahmen und dem in dieser Saison an Fortuna Düsseldorf ausgeliehenen Lasse Rieß im Profifußball Fuß gefasst haben oder hatten: Florian Müller (SC Freiburg) und Jannik Huth (ehemals Paderborn, jetzt Freiburg), Lukas Watkowiak (FC St. Gallen), Loris Karius (unter anderem FC Liverpool, heute Schalke), Daniel Zeaiter (MSV Duisburg), Christian Mathenia (1.FC Nürnberg), Christian Wetklo (114 Erstligaspiele für die Mainzer), Daniel Davari (unter anderem Eintracht Braunschweig, WM-Teilnehmer mit dem Iran), Lennart Grill (FCK, Dynamo Dresden), Jan-Christoph Bartels (Dunajská Streda/Slowakei). „Wenn wir um junge Torhüter werben, legen wir als Erstes eine Folie auf mit den Namen derjenigen Keeper, die es aus unserem Nachwuchs nach oben geschafft haben“, erzählt Hoffmeister. „Das sorgt für große Augen und zeigt den Talenten, dass sie bei uns eine sehr gute Ausbildung erhalten.“ Zugleich bestärke die lange Liste ihn und seine Mitstreiter in ihrer Arbeit. „Die Namen helfen uns, zu erkennen, was die jungen Leute für den Sprung in den Profifußball draufhaben müssen. Ich orientiere mich auch immer an der Entwicklung, die Finn Dahmen oder Flo Müller genommen haben, was sie damals konnten und woran wir mit ihnen gearbeitet haben.“ Selbstverständlich sei es schade, dass Dahmen den FSV Mainz 05 vor drei Jahren verlassen habe, sagt der Coach. Im Verein waren schließlich alle überzeugt, dass die Nummer zwei auch eine würdige Nummer eins wäre, sollte Zentner eine längere Pause einlegen müssen. „Manche Jahrgänge haben das Glück, dass sich ihnen direkt im Heimatverein die Tür öffnet. Finn hingegen musste sich mit seinem Anspruch, Stammtorhüter zu werden, hinter Robin anstellen. Aber irgendwann war er mit dieser Rolle verständlicherweise nicht mehr zufrieden.“ Sein Wechsel zum FC Augsburg habe sich als der richtige Schritt erwiesen. Anfangs erschien Dahmens Position bei den Schwaben wackelig, aber er setzte sich durch. In 31 Bundesligaspielen hütete er das Tor in seiner ersten Saison, danach kosteten ihn eine Schulter- und eine Bänderverletzung etliche Einsätze. In der zurückliegenden Spielzeit verpasste er keine Partie. „Es freut mich sehr, wie positiv seine Karriere verläuft“, sagt Hoffmeister. „Das hat er sich in Augsburg verdient, aber in 15 Jahren bei Mainz 05 erarbeitet. Deshalb ist sein Weg auch eine Auszeichnung für unsere Arbeit, und wir fühlen uns ihm sehr verbunden, auch wenn er jetzt gegen uns spielt.“ Über Dahmens Chancen in der Nationalmannschaft lasse sich nur spekulieren. „Momentan ist nicht abzusehen, wie sich der Bundestrainer entscheiden wird“, sagt Hoffmeister. Nach seiner Einschätzung jedoch befindet sich Dahmen auf Augenhöhe mit den Konkurrenten. „Ich wünsche ihm, dass er dauerhaft dabeibleibt und auch seine Einsätze bekommt.“
