So verhindert man nicht nur das Kaufhaussterben, sondern stoppt auch die Verödung der Innenstadt: Man setze auf ein vierstöckiges Warenhaus eine abenteuerlich gestaltete Dachlandschaft mit Blumenkübeln, Hochbeeten und einem bunt blühenden Garten, mit einem Labyrinth aus Plattformen, Treppen, Brücken, schrägen Aufgängen und tunnelartigen Passagen, füge transparente Wintergärten, ein Restaurant und Kioske für den Verkauf von Kaffee, Bier und Snacks hinzu, garniere das alles mit einer kleinen Bühne, einem Zen-Garten, Picknicktischen, Liegestühlen und wellenförmigen Kunstwerken, die sich als Sitzgelegenheiten anbieten. Als extravagante Zugabe ragen zwei Skywalks aus dem Dach heraus, einer mit kühnem Schwung zum Hafen hin, ein anderer mit Glasboden und Blick auf die Fußgängerzone darunter. Auf diese Weise entsteht ein origineller Stadtgarten mit Rundblick über Häuser, Hafen und Ostsee, der zugleich ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen, eine Touristenattraktion ersten Ranges und ein Hotspot für die Instagram-Community ist. So geschehen und perfekt in Szene gesetzt mit dem Salling Rooftop and Roofgarden im Zentrum von Aarhus. Ebenfalls Ausblick und Panorama, aber als Element zeitgenössischer Kunst, bietet der gläserne Regenbogen über der neunten Etage des ARos-Museums. Während der Roofgarden auf schönes Wetter angewiesen ist, lässt sich die transparente Rotunde auch bei Regen und im Winter genießen. Das monumentale Werk „Your Rainbow Panorama“ stammt vom dänisch-isländischen Künstler Ólafur Elíasson, der diese originelle Wandelhalle 2011 auf das Museumsdach gesetzt hat und damit das Erlebnis der Gegenwartskunst im ARos von den Innenräumen in die Außenwelt transferiert. Auf dem 150 Meter langen 360-Grad-Rundgang wechseln nach und nach die Farbtöne der Glasscheiben, sodass der Blick auf Aarhus buchstäblich in einem immer neuen Licht erscheint. Der Besucher befindet sich dabei in einer verwirrenden Situation: Er ist im Museum und außerhalb auf dessen Dach, zugleich aber auch mitten in einem Kunstwerk. Die Verbindung von Raum, Licht und Gefühl Mit dem Skyspace „As seen below“ geht das ARos jetzt noch einen kühnen Schritt weiter. Diese architektonische Installation des kalifornischen Künstlers James Turrell, die seit mehr als fünfzehn Jahren geplant war, ist gerade vollendet worden. In einem monumentalen, kuppelförmigen Raum, tief im Boden neben dem Museum versenkt, hat er ein kreisrundes Loch mit sechs Metern Durchmesser eingelassen. Es gibt den Blick nach außen mit einer Öffnung zum Himmel frei. Das künstliche Farbspektakel von Elíasson erhält so ein natürliches Pendant, da Tageszeit, Wetter und Lichteinfall wiederum kein einheitliches, fertiges Werk, sondern ein ständig wechselndes Panorama erzeugen. „Durch die Verbindung von Raum, Licht und Gefühl wird das Sehen selbst zum Kunstwerk“, heißt Turrells künstlerisches Credo, diesmal angewandt auf seinen einhundertsten Skyspace, den bisher größten in einer Museumsumgebung. Am Standort Aarhus hat ihn besonders das lange Zwielicht der nordischen Dämmerung fasziniert, weshalb der neue Skyspace im Sommer zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zusätzlich zum normalen Museumsbetrieb besonders frühe und späte Öffnungszeiten erhält. Ähnlich wie bei Elíassons Regenbogen sollen die Besucher animiert werden, sich länger mit einem einzigen Kunstwerk zu beschäftigen, als dies sonst im Museum üblich ist. „Damit“, so die Museumsdirektorin Rebecca Matthews, „setzen wir einen Anreiz zur Entschleunigung und Ruhe, zur Beobachtung und zum Nachdenken, ein stilles Momentum gegen unseren frenetischen Alltag, der sich leider auch oft beim raschen Gang durch die Museumsgalerien fortsetzt.“ Inszeniert Aarhus all diese spektakulären Orte, um auf diese Weise die kulturelle und touristische Vorherrschaft von Kopenhagen anzugreifen? „Nein, Aarhus ist überhaupt nicht fixiert auf die dänische Kapitale, kreist nicht als urbaner Satellit um die Hauptstadt“, meint die ARos-Direktorin, die 2017 auch für die Organisation des Kulturhauptstadtjahrs verantwortlich war. Von einer „Stadt mit einem Ego“ sprach damals anerkennend Königin Margrethe, und die Rolle als Europäische Kulturhauptstadt hat dieses Ego bei den Einheimischen noch verstärkt. 4500 Freiwillige beteiligten sich damals auf allen organisatorischen Ebenen an der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltungen, die unter dem Motto „Let’s rethink“ standen. Aus diesem Engagement sind die ehrenamtlichen „ReThinker“ hervorgegangen. „Wir sind noch immer mehrere Tausend Menschen, die sich um das Wohl und die Sichtbarkeit unserer Stadt kümmern“, sagt Christian Diener, selbst einer von ihnen. So kommt Aarhus inzwischen ohne eine stationäre Anlaufstelle für Touristen aus, weil Christian und andere Freiwillige vor allem im Sommer und beim Anlegen von Kreuzfahrtschiffen in den Straßen unterwegs sind und den Besuchern Orientierungshilfen geben. Während früher vor allem die sommerlichen Strandurlauber bei schlechtem Wetter gelegentlich einen Tagesausflug nach Aarhus machten, kommen jetzt viele Besucher gezielt für einen mehrtägigen Städtetrip. Ausgeufert ist das bisher nicht, denn die Stadt mit ihren unterschiedlichen Vierteln, Museen und Attraktionen kann mühelos auch die Menschenmassen absorbieren, die zur Hochsaison das eine oder andere Kreuzfahrtschiff an der Hafenmole ablädt. „Von Overtourism redet hier niemand“, meint Anne Hübner von Visit Aarhus, „und wir können noch ein paar zusätzliche Besucher verkraften.“ Gemeinsam speisen an langen Tafeln Das Umdenken ist inzwischen im Erbgut der Stadt verwurzelt. Entstanden sind daraus alternative Institutionen wie die Bellis Kulturbodega oder das Kreativzentrum Godsbanen im ehemaligen Güterbahnhof, urbane Treffpunkte mit Cafés, Ausstellungen, Konzerten, Theater und Workshops. Für besonders außergewöhnliche Erlebnisse in historischer Umgebung sorgt Roberta’s Society. Im denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Stadtbibliothek hat ein preisgünstiges Hotel mit Bar, Restaurant, Bühne und täglichem Kultur- und Unterhaltungsprogramm eröffnet. Mehrere Räume sind den ganzen Tag über für jedermann zugänglich – zum Lesen, Studieren oder Entspannen. „So wollen wir die Tradition der Bibliothek mit ihren öffentlichen Lesesälen fortführen“, sagt Kristine Falling, die Kulturmanagerin von Roberta’s Society. Jeden Abend findet außerdem ein Community Dinner statt, bei dem sich Hotelgäste, aber auch Einheimische und auswärtige Besucher anmelden können. An langen Tischen und bei einer einfachen, preiswerten Mahlzeit lässt sich je nach Publikum und Lust und Laune zwanglos plaudern oder ernsthaft diskutieren. Bis zu hundert Gäste kommen an manchen Abenden. Teilnehmer sind häufig ehemalige Studentinnen und Studenten, die ihre dauerhafte Verbundenheit mit der Stadt beweisen, indem sie regelmäßig an ihren Studienort zurückkehren, mit Vorliebe jedes Jahr im Juni während des dreitägigen Musikfestivals NorthSide. Dass sie sich gern an ihre Alma Mater erinnern, ist wenig verwunderlich. Denn die architektonische Harmonie des modernen Campus wird oft mit renommierten historischen Universitäten wie Oxford, Bologna, Coimbra oder Stanford verglichen. Das Zentrum des Hochschulgeländes ist eine weitläufige Parkanlage im hügeligen Gelände unmittelbar oberhalb des Stadtzentrums. Zwischen großen Rasenflächen und zwei Teichen sind längst mächtige Eichen, Buchen, Ahorn und Linden herangewachsen. An der Peripherie gruppieren sich die Institutsgebäude und Wohnheime, in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts vom dänischen Architekten C. F. Møller entworfen. Viele der gelben Klinkerfassaden im Stil des skandinavischen Funktionalismus sind inzwischen großflächig mit Efeu bewachsen, was die Verbindung von Architektur und Natur unterstreicht. Und dass sich das Latinerkvarter, der schönste Teil des alten Aarhus, mit seinem dänischen Kleinstadtflair und seiner lebendigen Café- und Kneipenszene in nächster Nähe zum Campus befindet, trägt sicher zu einer erfüllten Studienzeit mit hohem Erinnerungswert bei. Auch die Nachbarschaft zur Ostsee dürfte die Lebensqualität nicht nur der Studenten in Aarhus wesentlich erhöhen. Im Norden und Süden erstrecken sich zwischen Wald und Meer lange Sandstrände, die seit jeher von Einwohnern und Sommerurlaubern genutzt werden. Besonders beliebt ist neuerdings der Strand von Marselisborg – wegen der Uendelige Bro, der unendlichen Brücke. Ein kreisrunder Bohlenweg auf Stelzen führt vom Sandstrand aus übers Wasser und zurück an Land. Ein kunstvolles Freiluftzitat in der Ostsee von Elíassons gläsernem Regenbogen? Oder bloß eine profane Promenade übers Meer für Wasserscheue, ein Sprungbrett für Wasserratten und für alle eine feine Aussichtsplattform mit Blick auf die Silhouette der Stadt? Das mag jeder selbst entscheiden. Weniger zugänglich war lange Zeit der Hafen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Altstadt, ein von Straßen, Eisenbahngleisen und Zäunen abgeschottetes Gebiet. Mit der Verlegung der Containerterminals weit in die Bucht hinaus entstand jedoch viel freier Raum, in bevorzugter Lage zunächst genutzt für die Bibliothek Dokk1. Das Gebäude erinnert an ein gigantisches Raumschiff, das neben dem Hafenbecken gelandet ist. Breite Treppen an allen Seiten scheinen nach unten ausgefahren und das Bauwerk auf dem Boden zu stabilisieren. Optischer Blickfang ist ein verglaster Kubus, über dem eine fünfeckige Scheibe aus Metall zu schweben scheint. Es ist eine monumentale Architektur im leichten, transparenten Gewand. Während oben Büroräume der Stadtverwaltung einquartiert sind, dient das Glashaus als öffentliche Bibliothek, rundum einsichtig von der umlaufenden Terrasse, während von innen der Blick über Stadt, Hafen und Ostsee schweift. Große Teile des Bücherbestands sind in den Regalen frei zugänglich. Ein Forum, ein Café und zahlreiche Plattformen und Nischen mit bequemen Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen und Schmökern ein – ruhige Orte für eine Pause beim Stadtbummel oder während eines Regenschauers mitten im Betrieb des entspannten Aarhuser Alltags. Noch mehr aus dem Rahmen üblicher Architektur fällt das TRÆ, dänisch für Holz. Der Name ist nur eingeschränkt Programm, denn auch wenn die drei Türme als Dänemarks größtes Holzgebäude gelten, besteht vor allem die Fassade aus unterschiedlichen Materialien. So wurden etwa gebrauchte Briefkästen oder ausgediente Rotoren von Windrädern für sie verwendet. Das hölzerne Skelett und die Fußböden bestehen aus wiederverwendeten Brettern und Bohlen. „Form folgt Verfügbarkeit“, heißt das Konzept, indem schon einmal genutzte Materialien in die architektonische Wertschöpfung eingehen und eine neue Ästhetik des Recyclings erzeugen. Das Resultat bei TRÆ ist eine unregelmäßige, chaotisch erscheinende Fassade, die ihr Aussehen je nach Wetter, Tageszeit und Lichteinfall verändert – ein zunächst irritierendes Ausrufezeichen in der Bürolandschaft am ehemaligen Industriehafen. Hinter experimentellen Gebäuden wie TRÆ und Dokk1 dürfte das bauliche Resultat eines alten architektonischen Streits endgültig zurücktreten. Als 1938 ein Neubau des Rathauses anstand, beauftragte die sozialdemokratische Stadtregierung den berühmten Architekten Arne Jacobsen mit der Planung eines schlichten, funktionalen Gebäudes. Der Entwurf jedoch erschien der konservativen Opposition nicht repräsentativ genug für das Ego der aufstrebenden Industriestadt, sodass Jacobsen nach heftigen öffentlichen Debatten genötigt wurde, dem Bauwerk einen Turm hinzuzufügen. Diese 60 Meter hohe Ergänzung mit Uhr und Glockenspiel ist bis heute ein kurioses, dysfunktionales Monument des Funktionalismus. Während der Rathausturm im Stadtbild kaum zu übersehen ist, versteckt sich nicht weit vom ARos-Museum in einer Senke am Flüsschen Å ein Juwel dänischer Architektur und Kultur. Gamle By, die alte Stadt, ist ein Freilichtmuseum der Extraklasse. Etwa 80 Gebäude aus mehreren Jahrhunderten sind hier aus allen Teilen Dänemarks zusammengetragen und wiederaufgebaut worden. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Sammlung alter Bauernhöfe, Wohnhäuser, Läden und Werkstätten, sondern um die Simulation einer Stadt durch die Epochen mit einem ganzen Straßenzug aus den Zwanzigerjahren und einer Fußgängerzone mit den typischen Fassaden, Schaufenstern und Reklameschildern aus den Siebzigerjahren. Die Einrichtungen der Wohnungen und Werkstätten sind authentisch, oft zum Anfassen und Mitmachen. Die Museumsgastronomie wurde in typischen Gebäuden der Zeit einquartiert, das Personal trägt die entsprechende Kleidung, und behinderte Menschen werden mit Oldtimern von Volvo, VW und Ford durch das Gelände kutschiert. Bei diesen tausend Details hinter jeder Ecke und in jedem Raum könnte man leicht das unterirdische Museum verpassen, das die Geschichte von Aarhus von der Wikingerzeit bis in die Gegenwart als aufregende Multimedia-Show inszeniert. Noch nicht im Museum präsentiert wird die allerneueste Phase der Stadtentwicklung, die sich aber hautnah am Ostseeufer erkunden lässt. Die künstliche Halbinsel Aarhus Ø ist die bisher umfangreichste Maßnahme, um die Stadt über das ehemalige Hafengelände wieder direkt mit dem Meer zu verbinden. In den vergangenen zwanzig Jahren ist dort ein Wohnviertel mit gewagter Architektur entstanden. Rund um die Halbinsel führt eine herrliche Promenade für Fußgänger und Radfahrer mit einer Marina, zahlreichen Badestellen, einem Schwimmbad mit Sandstrand und einer Reihe von Strandbars. Der besondere Clou ist das Lighthouse 2.0, ein schlankes Hochhaus direkt am Wasser, gekrönt von der Aussichtsplattform Aarhus Øje, dem Auge von Aarhus. Von dort hat man seit 2023 einen Blick über Stadt und Ostsee, der alle anderen Panoramen, zumindest hinsichtlich Fernsicht, in den Schatten stellt. Das Lighthouse präsentiert sich stolz als höchster Wolkenkratzer Dänemarks mit dem schnellsten Aufzug des Landes, der die Besucher in wenigen Sekunden ins 43. Stockwerk katapultiert. Sieht sich Aarhus also doch in einem Wettbewerb mit Kopenhagen? Information: www.visitaarhus.de, E-Mail: info@visitaarhus.com, Telefon: 0045 / 87 31 50 10 (Montag bis Freitag 10 bis 14 Uhr).
