FAZ 11.03.2026
17:50 Uhr

Buchhandlungspreis: „Uns wäre es lieber, Herr Weimer würde zurücktreten“


Vor der Leipziger Buchmesse fordert der Börsenverein, dass Wolfram Weimer den Ausschluss dreier Preisträger zurücknimmt. Und die zwölf ausgezeichneten Buchhandlungen der Rhein-Main-Region haben Fragen.

Buchhandlungspreis: „Uns wäre es lieber, Herr Weimer würde zurücktreten“

Und nun? Ein Staatsminister schwer angeschlagen, ein seit elf Jahren erfolgreicher Preis beschädigt und 118 Unternehmen düpiert, die bei ihrer loyalen Kundschaft beliebt sind. Wolfram Weimer, dem die drei Geschäfte, die er vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen hat, am Mittwoch vorwarfen, er habe sie „aktiv getäuscht“, mag darauf eingestellt gewesen sein, als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien Kämpfe ausfechten zu müssen. Es wird ihm kaum durch den Kopf gegangen sein, dass er sich seinen Ruf nicht im Ringen mit der Documenta oder der Berlinale ruiniert, sondern im Clinch mit den sonst eher friedfertigen Buchhändlern. Jetzt hat er mit Verfassungsschutzkanonen auf Buchbranchenspatzen geschossen und damit auf einen Wirtschaftszweig gezielt, der jedem etwas sagt, aber kaum einem als Hort staatsfeindlicher Umtriebe gilt. „Die Kunden fragen nach“, sagt Andrea Tuscher vom Buchladen am Markt in Offenbach. „Ganz schwach“ Ihr Geschäft gehört zu den zwölf hessischen Buchhandlungen auf der Liste der Preisträger, die Weimer nicht ausgeschlossen hat. Damit stellt Hessen rund zehn Prozent der Empfänger der Auszeichnung. Auch das Rhein-Main-Gebiet wäre bei der Überreichung der Auszeichnungen am 19. März in Leipzig mit neun Buchhandlungen auf hessischem und dreien auf Mainzer Gebiet sehr stark vertreten gewesen. Weimers Absage der Preisverleihung kommt bei ihnen nicht gut an. „Ganz schwach“ findet sie Thomas Schröder vom Cardabela Buchladen in Mainz, der sich zum ersten Mal beworben hatte und von der Jury aus 483 Bewerbern sogleich in die Riege der Preisträger ausgewählt wurde. Auch Tuscher ist enttäuscht darüber, dass der Staatsminister die Begegnung zu fürchten scheint. „Er hat eine Meinung, die er vertreten soll“, sagt sie. Nach Leipzig geht es für viele Preisträger trotzdem. „Wir fahren“, sagt Tuscher, die den Preis zum vierten Mal erhält. Und das nicht nur, weil Bahnfahrkarten und Hotelzimmer gebucht sind und sich nur schwer stornieren lassen: „Jetzt erst recht.“ Schließlich hat der Börsenverein alle 118 Preisträger zum Umtrunk am Messestand des Branchenverbands gebeten, auch die drei von Weimer ausgeschlossenen. Eingriff in den Vergabemechanismus „Wir halten diese Art der Gesinnungsprüfung für vollkommen inakzeptabel und fordern, dass der Kulturstaatsminister den Ausschluss der drei Buchhandlungen zurücknimmt“, sagt Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz dazu. Der Preis habe vor Weimers Eingriff in den Vergabemechanismus gut funktioniert. Sollte er „intransparente Praktiken“ wie das nach der ehemaligen Staatssekretärin Emily Haber benannte Verfahren einer Nachfrage beim Verfassungsschutz weiter einsetzen, sei das für den Börsenverein vollkommen inakzeptabel: „Wir lehnen den Einsatz des Haber-Verfahrens in allen Bereichen der Kulturförderung ab.“ Während die Preisträger zu Hause auf die Urkunde in der Post und das Preisgeld auf dem Konto warten, ziehen sie Bilanz und nehmen Enthüllungen wie die zur Kenntnis, dass zwei der von Weimer ausgeschlossenen Geschäfte von der Jury sogar für die mit 15.000 Euro dotierten Sonderpreise vorgesehen waren. Sorgen um die Zukunft des Preises Die Irritation sitzt tief. „Es ist für mich ein ungutes Gefühl, dass der Verfassungsschutz Buchhandlungen überprüft“, sagt Tuscher. Dass ein Staatsminister mit Federstrich über die Entscheidungen der von ihm berufenen Jury hinweggeht, gefällt ebenfalls niemandem. „Man kann nicht qua Amt Meinungen verbieten, das passiert nur in autoritären Systemen“, sagt sie. Ähnlich sieht es Elena Rakowitz. In Groß-Umstadt bei Darmstadt leitet sie die Umstädter Bücherkiste, die 2025 von der hessischen Landesregierung als beste Buchhandlung im ländlichen Raum ausgezeichnet wurde und den Buchhandlungspreis zum zweiten Mal erhält. Ihr macht vor allem Sorgen, was die Vorgänge für die Zukunft bedeuten. Zwar hat Weimer in einem Interview angedeutet, mit der Überprüfung werde es so nicht wieder kommen, aber verlassen will man sich darauf in der Buchbranche lieber nicht. Kann man noch man selbst sein? Oder liest der Verfassungsschutz unnötigerweise mit? „Wie positioniert man sich, wie äußert man sich?“ In den vergangenen Tagen forderten viele einen Rücktritt der Jury, die sich von Weimers Vorgehen inzwischen deutlich distanziert hat. „Uns wäre es lieber, Herr Weimer würde zurücktreten“, sagt Larissa Siebicke von der Autorenbuchhandlung Marx & Co. in Frankfurt, die zum fünften Mal ausgezeichnet wird. Viele Befragte sehen das ebenso. Und sie fragen sich, ob sie sich abermals bewerben würden. Eher nicht, sagt Schröder: „Nicht bei jemandem mit solchen Umgangsformen.“ Auf jeden Fall, sagt Siebicke: „Jetzt erst recht.“ Die unabhängigen Buchhandlungen, die der Preis fördere, machten gute Arbeit: „Wir stehen genau für die Offenheit, die hier unterlaufen wird.“