Für wen das Hollywood Prayer Network in den Wochen vor den Oscars gebetet hat, wird schon klar, bevor die Schauspielerin Zoe Saldaña den Namen von Wunmi Mosakus auf der Bühne des Dolby Theatre ganz aussprechen kann. In der First Presbyterian Church of Hollywood, ein paar Blocks entfernt, wird gejubelt – bis Saldaña nicht Mosaku aus Ryan Cooglers Südstaaten-Thriller „Blood & Sinners“ zur besten Nebendarstellerin kürt, sondern Amy Madigan. „Wir haben tagelang für Wunmi gebetet, aber Gott hat wohl einen anderen Plan“, sagt Rebecca. Die Produktionsassistentin ist in der Nacht zu Montag mit einigen Hundert weiteren Mitgliedern des Hollywood Prayer Network (HPN) zur traditionellen „Oscar Watch Party“ in die Kirche an der Gower Street gekommen. Dass Mosaku in „Blood & Sinners“ im Kampf gegen Vampire auf die afroamerikanische Volksmagie Hoodoo statt christlichen Glauben setzt, schreckt die religiöse Mittdreißigerin im roten Paillettenkleid nicht. Im Gegenteil. „Wir beten für alle, die Gottes Hilfe brauchen“, versichert sie. Sie haben sich bei Gott für „Blood & Sinners“ stark gemacht Die First Presbyterian Church oberhalb des Hollywood Boulevards zieht seit Jahrzehnten Filmschaffende an. Die Schauspielerin Jane Russell, neben Marilyn Monroe das Showgirl in Howard Hawks’ Komödie „Blondinen bevorzugt“, studierte in dem Backsteinbau die Bibel. Amerikas Lieblingscowboy Roy Rogers („Under Western Stars“) kam jahrzehntelang zum Gottesdienst. Auch die Emmy-Preisträgerin Patricia Heaton, bekannt aus Serien wie „Alle lieben Raymond“ und „The Middle“, gehört der protestantischen Kirche an. Vor knapp 25 Jahren hatte die Fernsehproduzentin Karen Covell die Idee, die Verbindung zu den Studios der Nachbarschaft auszubauen. Wie Covell schreibt, war sie als Christin in Hollywood immer wieder abgelehnt worden. Um der Filmbranche den Glauben näherzubringen, gründete sie im Sommer 2001 das Hollywood Prayer Network. „Ich versuche, durch Gebete eine Brücke zu schlagen“, sagt sie über ihre Mission. Nach gemeinsamen Gebetsrunden für Prominente wie den Schauspieler Ryan Phillippe („Der Mandant“) und Rapper Zauntee („God Had Other Plans“) hat sich HPN in den Wochen vor den Oscars ohne Zweifel für „Blood & Sinners“ bei Gott starkgemacht. Chris Covell, Drehbuchberater und Sohn der Gründerin, lobt in der Nacht zu Montag den für 16 Trophäen nominierten Film als „am leichtesten nachzuempfinden“. Seine Mitmoderatorin, die Stand-up-Komikerin Asmaou Evbuomwan-Owa, bittet die Gäste zum Stehapplaus, als Autumn Durald Arkapaw für die Arbeit an Cooglers Mischung aus Horror, Rassentrennung und Vampiren als erste Frau den Oscar in der Kategorie Cinematographie gewinnt. Auch das Publikum geht mit. „Er hat Gott gepriesen, Amen!“ Als Robert Downey Jr. und Chris Evans Coogler für das beste Originaldrehbuch mit einem Oscar belohnen, beginnen die Ersten zu tanzen. Der Oscar für den Filmkomponisten Ludwig Göransson lässt die Gäste den Titel „I Lied to You“ anstimmen. „Miles Caton, der das Lied im Film singt, ist übrigens einer von uns“, verweist Evbuomwan-Owa auf die religiöse Erziehung und den Glauben des 21 Jahre alten New Yorkers. Der Satz „Gott ist gut“ in der Dankesrede von Michael B. Jordan, der für seine Doppelrolle als Smoke und Stack als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wird, lässt die Moderatorin ein weiteres Mal zum Mikrofon greifen: „Er hat Gott gepriesen, Amen!“ Warum „One Battle After Another“ beim Hollywood Prayer Network vergleichsweise wenig Begeisterung hervorruft, scheint niemand zu wissen. Während Paul Thomas Andersons Actiontriller mit Leonardo DiCaprio als Hauptdarsteller im Dolby Theatre nebenan mit sechs Oscars, auch in der Königsdisziplin „Best Picture“, gefeiert wird, hält sich der Applaus in der First Presbyterian Church in Grenzen. Vielleicht ist Anderson mit der rechtslastigen christlichen Sekte „The Christmas Adventurers Club“ angeeckt. Vielleicht waren es aber auch die Nonnen seines Films, die nach dem Vorbild der Sisters of the Valley aus dem kalifornischen Merced Cannabis anbauen und vertreiben. Ähnlich ergeht es der deutsch-skandinavisch-britischen Koproduktion „Sentimental Value“. Joachim Triers Familiendrama mit Stellan Skarsgard, Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas und Elle Fanning gewinnt für Norwegen zwar den Oscar als bester internationaler Film. Der Beifall bei der Feier des HPS fällt aber eher leise aus. „Viele von uns können sich mit dem Kampf in ,Sinners‘ um Gut und Böse identifizieren. Daneben verblassen andere Themen“, meint Sarah, eine Drehbuchautorin aus Burbank. Nach dem Gedenken an Hollywoods Verstorbene auf der verdunkelten Bühne des Dolby Theatre wird es auch an der Gower Street still. „Wir beten für alle Schauspieler und Filmemacher, die Gott nach Hause geholt an. Wir beten aber auch für mehr Filme, die dich, Gott, ehren“, sagt Evbuomwan-Owa. Die HPN-Gründerin Covell schreibt Hollywoods Zurückhaltung bei religiösen Themen dem Teufel zu. „Er will nicht, dass Christen die Macht von Medien, Kunst und Unterhaltung verstehen. Warum? Weil Worte, Bilder und Musik Einfluss besitzen“, schreibt die Produzentin auf der Website der First Presbyterian Chuch of Hollywood. Ihr Sohn Chris Covell sieht es ähnlich. Der Auftritt der koreanischen Rei Ami, Audrey Nuna und EJAE mit dem Titel „Golden“ aus dem Animationsfilm „KPop Demon Hunters“ erinnert ihn in der Nacht zu Montag an böse Mächte. „Wir alle müssen die Dämonen jagen!“, ruft Covell ins Publikum. Den Titel für den nächsten Blockbuster nach „Sinner“ hat er auch schon. „Aus Sündern können Gläubige werden“, meint Covell. Vielleicht hilft Beten.
