FAZ 09.09.2026
15:19 Uhr

Besuch in Partnerstadt: Was Frankfurt und Yokohama gemeinsam haben


Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef ist zu Gast in der Partnerstadt Yokohama. Der Besuch zeigt, wie ähnlich die Herausforderungen wachsender Städte sein können – und wie unterschiedlich die Antworten ausfallen.

Besuch in Partnerstadt: Was Frankfurt und Yokohama gemeinsam haben

Andere Städte, gleiche Nöte – und doch eine Welt dazwischen. Mit einer Delegation aus Politik, Wirtschaft und Kultur ist Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef nach Yokohama gereist. Es ist sein erster Aufenthalt in Japan. Der Besuch des sozialdemokratischen Politikers steht im Zeichen des fünfzehnjährigen Bestehens der Partnerschaft zwischen den beiden Städten, und die Fragen, die Frankfurt und Yokohama beschäftigen, klingen ähnlich: Wie bleibt eine wachsende Stadt lebenswert? Wie lassen sich Klimaschutz und wirtschaftliche Dynamik verbinden? Wie erreicht eine Verwaltung die Menschen, für die sie da sein soll? Und wie viel Vertrauen kann politische Führung verspielen? Die Antworten müssen allerdings unter sehr verschiedenen Bedingungen gefunden werden. Frankfurt hat knapp 780.000 Einwohner, Yokohama fast fünfmal so viele: etwa 3,75 Millionen. Trotzdem leben in Frankfurt deutlich mehr Ausländer: rund 250.000, ihr Anteil beträgt 32 Prozent. In Yokohama sind es etwa 144.000 Menschen, rund 3,8 Prozent der Bevölkerung. Sie kommen aus 171 Ländern – in Frankfurt sind es 180; die größte Gruppe in Yokohama bilden etwa 50.000 Chinesen, gefolgt von Vietnamesen sowie Menschen von den Philippinen und aus Nepal. Rund 900 Deutsche leben in der Hafenstadt, die nach der Öffnung des Landes von der Mitte des 19. Jahrhunderts an „Japans Tor zur Welt“ wurde. Yokohamas Bevölkerung wächst jährlich um etwa 10.000 Menschen, noch um einiges schneller als die der mehr als 9000 Kilometer entfernten hessischen Partnerstadt. Immigration unter anderen Vorzeichen Die Zahlen machen deutlich, wie unterschiedlich die Immigration die beiden Städte prägt. Was Frankfurt längst organisieren muss, wird in Yokohama erst langsam als Zukunftsaufgabe sichtbar; obwohl die japanische Bevölkerung schneller als die der meisten anderen Industrienationen altert. In Frankfurt ist Einwanderung ein bestimmendes Merkmal des Alltags, der Schulen und des Arbeitsmarkts. Mehr als 10.000 Flüchtlinge aus der Ukraine leben in der Stadt. Yokohama muss sich ebenfalls mit Integration beschäftigen, aber unter anderen Vorzeichen: Nach Angaben der Stadt leben dort gerade einmal rund 100 Geflüchtete aus der Ukraine. Eine eigentümliche Gemeinsamkeit gibt es allerdings in der jüngeren politischen Geschichte. In beiden Städten mussten Oberbürgermeister ihr Amt aufgeben. In Frankfurt war es Peter Feldmann (SPD), dessen Amtszeit nach Vorwürfen der Vorteilsnahme und einem Bürgerentscheid im November 2022 vorzeitig endete. In Yokohama traf es jüngst Takeharu Yamanaka. Der von der Konstitutionellen Demokratischen Partei, der Sozialdemokratischen Partei und der Kommunistischen Partei Japans unterstützte Bürgermeister entschuldigte sich im Januar 2026 öffentlich, nachdem der Personalchef der Stadt ihm vorgeworfen hatte, Mitarbeiter als „Idioten“ und „menschlichen Abschaum“ beleidigt zu haben. Eine unabhängige Untersuchung bestätigte die Vorwürfe. Bekannt wurde außerdem, dass Yamanaka gesagt haben soll: „Jeder über 55 ist stur und nutzlos.“ Einen Beamten forderte er zudem angeblich auf, sich „auszuweiden“, falls dieser die Vergabe einer internationalen Konferenz an Yokohama nicht sicherstellen könne. Die Fälle sind nicht gleich gelagert. Aber sie zeigen, wie schnell sich die Distanz zwischen Amt und Amtsführung in eine politische Krise verwandeln kann. Gemeinsamer Aktionsplan Klimaschutz Die Reise von Josef zielt indes auf Verbindungen anderer Art. Seit 2011 konzentriert sich die Städtepartnerschaft auf Wirtschaft, Klimaschutz und Kultur. Seit 2017 gibt es einen Schüleraustausch zwischen einer Schule in Yokohama und der Schule am Ried im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. Mit Blick auf die im nächsten Jahr in Yokohama stattfindende „Green Expo“ wollen beide Städte zudem einen gemeinsamen Aktionsplan zum Klimaschutz entwickeln. Eileen O’Sullivan (Volt), Frankfurter Dezernentin für Bürgerbeteiligung, Digitalisierung und internationale Beziehungen, informierte sich bei den Gesprächen mit Vertretern Yokohamas auch über die Versuche der Stadt, Immigranten besser zu integrieren. Yokohama sucht unter Bedingungen einer relativ homogenen Gesellschaft nach Wegen, sich stärker zu öffnen. Frankfurt muss mit einer Vielfalt umgehen, die längst seine gesellschaftliche Realität prägt. Nicht zuletzt aber nutzt Josef die sechstägige Delegationsreise, um Frankfurt als Wirtschaftsstandort anzupreisen. Er hebt die hervorragenden Verkehrsverbindungen rund um die Mainmetropole hervor, ebenso die Bedeutung von Rechenzentren und Banken. Bei einer Veranstaltung in Tokio, das mit der Bahn binnen einer halben Stunde von Yokohama aus erreichbar ist, warb die Frankfurt-Rhein-Main GmbH, die zentrale Standortmarketing-Gesellschaft der Metropolregion, am Dienstag gezielt um die Ansiedlung japanischer Unternehmen. Gemeinsam mit Geschäftsführer Eric Menges listete Josef vor rund drei Dutzend Vertretern japanischer Unternehmen die Vorzüge des Rhein-Main-Gebiets auf. In der Region rund um Frankfurt schlage das Herz von Deutschlands Wirtschaft, sagte der Oberbürgermeister. Menges verwies auf rund sechs Millionen Menschen im 30-Minuten-Umkreis und auf einen Flughafen, der den Rest der Welt leichter erreichbar mache als irgendwo sonst. Die Botschaft kam beim Publikum offenbar an. Kritische Fragen gab es jedenfalls auch beim anschließenden Empfang keine, obwohl Menges die Delegation bestens darauf vorbereitet hatte. Falls etwa ein japanischer Wirtschaftsvertreter den Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zum Thema machen sollte, mahnte der Geschäftsführer, solle man cool kontern: „Da haben gerade einmal zweieinhalb Prozent der deutschen Bevölkerung abgestimmt – und nicht einmal die Hälfte für die AfD.“