FAZ 17.08.2026
16:04 Uhr

Belgien: An der Brüsseler Börse wird die Luft dünner


Der belgische Leitindex BEL-20 kannte in den vergangenen Jahren nur eine Richtung: nach oben, bis auf ein neues Allzeithoch Anfang Juli. Mit dieser Dynamik könnte es erst einmal vorbei sein.

Belgien: An der Brüsseler Börse wird die Luft dünner

Wer auf die mittelfristige Entwicklung der Brüsseler Börse in den vergangenen knapp drei Jahren blickt, sieht ein beeindruckendes Plus. Zwischen Oktober 2023 und Juli 2026 hat der belgische Leitindex BEL-20 um knapp drei Viertel zugelegt, von rund 3350 auf ein neues Allzeithoch von rund 5815 Punkten Anfang Juli. Besonders im Frühjahr – zwischen Ende März und Mitte Juni – stieg der Index sehr dynamisch. In den vergangenen Wochen hat sich der Brüsseler Markt dagegen seitwärts entwickelt; am Montagnachmittag lag der BEL-20 bei rund 5710 Punkten. Nach den Schätzungen der meisten Analysten könnte sich diese wenig dynamische Entwicklung als Trend in den kommenden Monaten fortsetzen. Maue Konjunkturerwartungen Als Grund dafür gelten zunächst die schwachen Konjunkturdaten. Die belgische Nationalbank rechnete zuletzt nur noch mit einem Wachstum von 0,6 Prozent in diesem Jahr, nachdem die belgische Wirtschaft im zweiten Quartal stagnierte. In den kommenden beiden Jahren werde das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) dann um wieder etwas mehr als ein Prozent wachsen, erwartet die Nationalbank. Diese Wachstumsraten sind geringer als im Durchschnitt des Euroraums – und geringer als noch zu Jahresbeginn erwartet. In diesen Zahlen spiegelt sich zweierlei wider. Die Inflationsrate, die sich zur Jahreswende der Zielmarke der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent angenähert hatte, wird vor allem aufgrund des Anstiegs der Energiepreise nach dem Ausbruch des Kriegs am Persischen Golf in Belgien voraussichtlich bei 3,4 Prozent liegen; vom privaten Konsum erwartet die Nationalbank deshalb wenig Konjunkturimpulse. Die Staatsverschuldung steigt weiter Zudem bekommt die Regierung die zinsbedingt steigende Staatsverschuldung immer weniger in den Griff. Nach den Schätzungen der Nationalbank steigt das schon im vergangenen Jahr mit 5,2 Prozent des BIP zu hohe Staatsdefizit stetig auf 5,7 Prozent des BIP im Jahr 2028. Dadurch wächst auch die in Belgien traditionell überhöhte Schuldenquote kontinuierlich weiter, von 107,9 Prozent im vergangenen Jahr auf 114,8 Prozent des BIP im Jahr 2028. Auf das mittelfristige Wachstumspotential wirken sich diese Werte sicher nicht positiv aus. Natürlich stellt sich in Belgien wie anderswo die Frage, ob sich die Aktienkurse nicht längst von den realen Wirtschaftsdaten abgekoppelt haben. Die Konjunkturentwicklung in Belgien hat möglicherweise auch deshalb keinen allzu großen Einfluss auf den belgischen Aktienmarkt, weil die meisten BEL-20-Unternehmen einen erheblichen Anteil ihrer Erträge nicht auf dem Binnenmarkt, sondern auf den globalen Märkten erzielen und von diesen stärker abhängen als vom belgischen Markt. Aber die Konjunkturaussichten sind nicht zuletzt aufgrund der hohen Energiepreise auch anderswo nicht rosig. Zudem war das deutliche Plus des BEL-20 im ersten Halbjahr von den realen Daten nicht wirklich gedeckt, sodass eine moderate Korrektur nicht unwahrscheinlich ist. So kalkuliert die Datenplattform Trading Economics in einem makroökonomischen Modell mit einem BEL-20-Wert von etwa 5600 Punkten zum Quartalsende und einer weiteren Abschwächung auf etwa 5200 Punkte in einem Jahr. Eher seitwärts als weiter aufwärts Optimistischer sind die Analysten, deren Empfehlungen die Plattform guruwatch.nl zusammenfasst. Doch sind auch sie vorsichtiger geworden. Die Kaufempfehlungen überwiegen zwar noch, aber allzu ehrgeizige Kursziele werden nirgendwo mehr aufgerufen. Für den Chemiekonzern Solvay und seine einstige Tochtergesellschaft Syensqo überwiegen sogar die Verkaufsempfehlungen. Wenig vorsehbare, meist auf ein oder wenige Unternehmen zurückgehende Sonderentwicklungen bleiben indes in Belgien an der Tagesordnung. Der BEL-20 enthält nur 20 Unternehmen und ist zugleich sehr konzentriert. Die vier Schwergewichte, das Biotech-Unternehmen Argenx, der Pharmakonzern UCB, der weltgrößte Bierkonzern AB Inbev und der Finanzkonzern KBC, machen fast 50 Prozent des Indexes aus. Vor allem Argenx und UCB, die beide in der Entwicklung neuer Medikamente engagiert sind, haben das Potential, den Index fast allein nach oben oder unten zu ziehen – je nachdem ob ihre Forschungsergebnisse die Phantasie der Investoren beflügeln oder enttäuschen. Am Montag verdankte der BEL-20 sein Plus von rund einem Prozent gegenüber Freitag fast ausschließlich einem Kurssprung der Argenx-Aktie von 11,8 Prozent. Hintergrund war der Erfolg in einer zulassungsrelevanten Studie zu dem Medikament Vyvgart Hytrulo. Es wirkt gegen eine seltene entzündliche Erkrankung der Skelettmuskulatur. Die Studie habe bei der Behandlung von autoimmuner Myositis den primären Endpunkt erreicht, teilte das Unternehmen am Montag mit.