Marco Rubio ist blitzgescheit und wortgewandt. Kongressmitglieder merken in Anhörungen genauso wie Journalisten in Pressekonferenzen, wie schwer es ist, ihm beizukommen. Er kennt seine Fakten, korrigiert falsche Annahmen, und wenn ihm Fallen gestellt werden, zuckt er mit den Schultern und gibt seinem Gegenüber zu verstehen, dass man ihn nicht unterschätzen sollte. Umso erstaunlicher war da der kapitale Fehler, der ihm in dieser Woche unterlief. Nach dem Beginn des Irankrieges hatte er zwei Tage lang öffentlich geschwiegen. Erst am Montag, nach einem Treffen mit der Kongressführung, wandte er sich zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Präsident Donald Trump und seine Leute hatten da schon diverse Gründe für den Angriff genannt. Sie reichten von der Wiederaufnahme des Atomprogramms durch das Regime in Teheran bis zur „Freiheit für das iranische Volk“. Um zu belegen, dass eine unmittelbare Bedrohung für Amerika bestanden habe, die es der Regierung erlaubt, ohne Ermächtigung durch den Kongress militärisch vorzugehen, fügte Rubio dann eine weitere Begründung hinzu: „Wir wussten, dass Israel handeln würde.“ Man sei sich über die Absichten des Verbündeten bewusst gewesen und habe gewusst, dass dies Angriffe Irans auf die amerikanischen Streitkräfte in der Region zur Folge gehabt hätte. „Wenn wir nicht präemptiv gegen sie vorgegangen wären, hätten wir Opfer zu beklagen gehabt.“ Rubio dürfte seinen Aufstieg selbst kaum fassen Was gedacht war, um in der Debatte über die „War Powers Resolution“ im Kapitol die Reihen der Republikaner zu schließen, befeuerte allerdings eine andere Debatte auf der politischen Rechten: Donald Trump, eine Marionette Benjamin Netanjahus? Tags darauf machte Rubio einen Rückzieher. Trump stellte klar, wenn überhaupt habe er Israel unter Zugzwang gesetzt. Der israelische Ministerpräsident bemerkte, es sei lächerlich zu glauben, Israel habe Amerika in den Krieg gezogen. Doch der Schaden war angerichtet, schließlich stellt das Verhältnis zu Israel eine neue Bruchlinie in Trumps MAGA-Bewegung dar. Das isolationistische Lager, dessen Lautsprecher der einflussreiche frühere Fox-Moderator Tucker Carlson ist, wirft Israel schon länger vor, die Vereinigten Staaten in Kriege zu ziehen. Der Aktivist Nick Fuentes, ein Antisemit und Holocaust-Leugner, sprach denn auch von einem „Aggressionskrieg für Israel“ und fügte hinzu, Trump, Rubio und Vizepräsident J.D. Vance „haben uns verkauft“. Marco Rubios Äußerung war ein seltener Patzer jenes Mannes, der am Tag nach Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus im vergangenen Jahr vom Senat mit 99 zu null Stimmen für den Posten im State Department bestätigt worden war und seither zum einflussreichsten Kabinettsmitglied geworden ist. Es ist ein Aufstieg, den Rubio wohl selbst nicht fassen kann. Zunächst sah es so aus, als sei der bisherige Senator aus Florida nur ein Feigenblatt für einen Präsidenten, der sich vorgenommen hatte, das Land autoritär umzukrempeln, und dazu sein Kabinett mit schrillen Charakteren füllte. Wer anfangs in den öffentlichen Kabinettssitzungen im Weißen Haus Rubios Blicke verfolgte, während Leute wie Pete Hegseth, Robert F. Kennedy jr. oder Kristi Noem Trump wie einem Führer huldigten, konnte den Eindruck gewinnen, er bereue seine Entscheidung, in die Exekutive gewechselt zu sein. Rubio ist der beste Verbündete, den die Europäer haben Hinzu kam, dass ihm Steve Witkoff, Trumps Kumpel aus alten Tagen in Manhattan, ins Handwerk pfuschte, ein Mann ohne diplomatische Erfahrung, der sich zuweilen wie ein Dilettant benimmt und Wladimir Putin aus der Hand frisst. Schon mehrfach musste Rubio die Kohlen aus dem Feuer holen, wenn der Sonderbeauftragte bereit war, mit Moskau einen Deal zulasten Kiews abzuschließen. In der Ukrainepolitik ist der Außenminister der beste Verbündete, den die Europäer haben. Als vor einem Jahr der Nationale Sicherheitsberater Mike Waltz auf den Posten des UN-Botschafters nach New York abgeschoben wurde und Rubio das Amt zusätzlich übernahm, schien die Aufwertung noch einem bloßen machtpolitischen Kalkül des Präsidenten zu folgen. Trump beobachtete, wie Vance sich in seiner Rolle als Kronprinz der MAGA-Bewegung gefiel. Da konnte es aus Sicht des Amtsinhabers, der nicht zur lahmen Ente werden wollte, nicht schaden, neben dem Vizepräsidenten eine zweite mächtige Figur aufzubauen. Waltz hatte im Zuge von „Signalgate“ weichen müssen, weil er dafür verantwortlich gemacht wurde, einen Journalisten versehentlich einem Gruppenchat zugefügt zu haben, in dem es um eine geheime Militäroperation gegen die Huthis in Jemen ging. Später gab es aber Berichte, eigentlich habe Waltz den Ärger des Präsidenten auf sich gezogen, weil er Netanjahu das Wort geredet und ebenfalls für eine militärische Option gegen Iran plädiert hatte, was der Präsident seinerzeit noch ablehnte. Das ist aus heutiger Sicht doppelt ironisch: Zum einen gab Trump später den Befehl für die Operation „Midnight Hammer“ und griff die iranischen Atomanlagen an. Zum anderen stärkte die Erweiterung des Portefeuilles Rubios das Lager der außenpolitischen Falken – gegen den eher isolationistischen Flügel um Vance. Rubio: Kooperationsdruck statt „regime change“ Rubio ist der erste Außenminister seit Henry Kissinger, der zugleich Nationaler Sicherheitsberater ist. Von dem Mann mit der knarzigen Stimme stammt das Bonmot, nie habe es bessere Beziehungen zwischen dem State Department und dem Nationalen Sicherheitsrat (NSC) gegeben als in den Jahren 1973 bis 1975. Zwischen beiden Institutionen herrscht traditionell Konkurrenz. Im NSC hält man viele Diplomaten des State Department für idealistische Weltverbesserer, für die Multilateralismus ein Selbstzweck ist. Der NSC hingegen versteht sich als Hüter der amerikanischen Sicherheitsinteressen. Hier versammelt sich die Elite; das Personal wird vor allem aus dem State Department, dem Pentagon und den Nachrichtendiensten abgeordnet. Für Rubio, der zu Beginn seiner Amtszeit hinnehmen musste, dass Elon Musk auch im Außenministerium zu einem Kahlschlag ausholte, ist der NSC das eigentliche Operationszentrum. Hier entstanden die Pläne für den neuen Interventionismus. Nach der militärisch erfolgreichen Operation in Venezuela, bei der zu Jahresanfang Machthaber Nicolás Maduro in Caracas gefangen genommen wurde, stellte Rubio klar, dass es sich nicht um die alte „regime change“-Politik der Neokonservativen handle. Die Fehler der Kriege in Afghanistan und im Irak würden nicht wiederholt. Man habe keinen „nation building“-Anspruch, man werde das Land nicht besetzen und die Zivilverwaltung übernehmen. Das Wort vom „regime management“ machte die Runde. Washington setze auf kooperationswillige Kräfte im Venezuela und werde das Land über wirtschaftlichen Druck auf westlichen Kurs bringen. Der Irankrieg folgt dem Venezuela-Plan Der Irankrieg folgt diesem Plan, wenngleich nicht eins zu eins. Es ist keine Militäroperation, in der ein bisheriger Stellvertreter kurzerhand auf Linie gebracht wird, sondern ein Krieg, der Wochen dauern kann. Und ob es gelingt, wesentliche Teile des iranischen Sicherheitsapparates durch Luftschläge und womöglich die Bewaffnung der Kurden zu bewegen, sich gegen das Regime zu stellen, das auch nach dem Enthauptungsschlag gegen den Obersten Führer Ali Khamenei Widerstand leistet, muss sich noch erweisen. Dass Venezuela nur der Anfang war, stellte Rubio frühzeitig klar. Unmittelbar nach der Ergreifung Maduros sagte er auf einer Pressekonferenz in Mar-a-Lago, neben Trump stehend: „Die Leute müssen verstehen, dass dies kein Präsident ist, der nur redet. Wenn er sagt, dass er eine Sache ernst nimmt, dann meint er es so.“ Trump sei ein Mann der Taten. Rubio hat gelernt, dem Präsidenten zu schmeicheln. Der Außenminister, auf dessen Zettel auch noch Kuba steht, stellt sich selbst nie in den Vordergrund. Obschon er der intellektuelle Kopf der neuen Politik ist. Die Wandlung Marco Rubios ist bemerkenswert. 1971 in Miami geboren, stammt er nicht aus der typischen Familie von Exilkubanern, die erst nach der Machtübernahme Fidel Castros nach Florida kamen. Seine Eltern verließen ihr Land schon 1956, während des Batista-Regimes. Eine Zeit lang hatte der glühende Antikommunist nahegelegt, seine Eltern seien gezwungen gewesen, Kuba nach der Revolution zu verlassen. Die Erzählung sollte die politische Karriere des Juristen befördern, die Schlag auf Schlag erfolgte: 2000 wurde er ins Repräsentantenhaus von Florida in Tallahassee gewählt, wo er es im Alter von 35 Jahren bis zum Amt des Speaker brachte. 2010 folgte die Wahl in den Senat in Washington. Im kriegsmüden Amerika hatten die Neokonservativen in der Republikanischen Partei an Rückhalt verloren, und den Ton gab nun die radikallibertäre „Tea Party“ an, zu der auch Rubio zählte. Im Kongress machte er sich einen Namen als Sicherheitspolitiker und unterstützte etwa den Militäreinsatz Barack Obamas in Libyen gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi. Dass sein Ziel eigentlich das Weiße Haus war, wurde schnell deutlich. Im Vorwahlkampf der Republikaner 2016 zeigte sich aber, dass eine Unterströmung in der Partei, die sich gegen die „ewigen Kriege“ wandte, einen anderen Kandidaten nach vorne brachte. Rubio fand einen Weg, sich mit Trump zu arrangieren In den „primaries“ kam es zu einem legendären Schlagabtausch zwischen Rubio und Trump. Der Senator nannte den New Yorker Immobilienmogul und TV-Entertainer, dem noch keiner zutraute, sich im Falle seiner Nominierung in den Präsidentschaftswahlen durchsetzen zu können, einen „Trickbetrüger“, der die „größte Gaunerei in der politischen Geschichte Amerikas“ fortführe. Als Trump Rubio dann als „Little Marco“ verspottete, machte sich dieser über dessen Hände lustig: „Ihr wisst, was man über Typen mit kleinen Händen sagt.“ Trump fühlte sich hernach tatsächlich genötigt, seine Männlichkeit zu verteidigen: „Ich kann euch garantieren, da gibt es kein Problem.“ Rubio zog sich im März 2016 aus den republikanischen Vorwahlen zurück, nach dem er selbst in seinem Heimatstaat Florida hinter Trump gelandet war. Obwohl Rubio nach der gescheiterten Kandidatur zunächst angekündigt hatte, sich ins Privatleben zurückzuziehen, gab er bald darauf bekannt, doch wieder für den Senat zu kandidieren. Kurz darauf verkündete er zudem, dass er Trump als Präsidentschaftskandidat unterstützen würde, da er gegenüber Hillary Clinton die bessere Wahl sei. Man hätte meinen können, dass die beiden Herren nach all dem Spott, den sie übereinander ausgeschüttet hatten, nicht mehr zusammenfinden würden. Doch nach Trumps Einzug ins Weiße Haus Anfang 2017 stand auch Rubio vor der Frage: „In or out?“ Noch war nicht klar, ob es Trump gelingen würde, die Republikanische Partei zu übernehmen, oder ob das Establishment zurückschlagen würde. Einige im Kongress, John McCain etwa, gingen in Opposition – und wurden von Trump ins Visier genommen. Andere glaubten, Trump nutzbar machen zu können. Zu ihnen zählte der seinerzeitige Mehrheitsführer Mitch McConnell, der mit dem plebejischen Milliardär im Weißen Haus sein Ziel erreichen wollte, eine konservative Mehrheit am Supreme Court zu erlangen, um das Land gesellschaftspolitisch in eine Gegenreaktion zu führen. Und dann gab es noch die Wendehälse um Lindsey Graham, die plötzlich anfingen, Trump nach dem Mund zu reden. Rubio fand seinen eigenen Weg, sich auf die neue Zeit einzustellen und mit Trump zu arrangieren. Er hielt sich eine gewisse Zeit zurück und versuchte sich auf die Fachpolitik zu konzentrieren, und er setzte auf eine Art von Realismus: Die Zeit hat sich geändert, also muss sich auch die Partei ändern. Mit den Jahren ging er dabei an die Grenze und auch darüber hinaus: Als Trump nach der Präsidentenwahl 2020 den Sieg Joe Bidens nicht anerkannte, stimmte Rubio noch für die Beglaubigung des Wahlsieges des Demokraten – mit der Begründung, dass die Demokratie durch das Vertrauen des Volkes in die Wahlen zusammengehalten werde. Im Wahlkampf 2024 verbreitete aber auch er Zweifel an der Stimmauszählung vier Jahre zuvor. Rubio stand seinerzeit neben Vance auf Trumps Shortlist für den Posten des „running mate“. Als Vizepräsident wäre er näher an seinem alten Traum gewesen, ins Weiße Haus einzuziehen. In seiner jetzigen Rolle ist er allerdings operativ einflussreicher. Er ist es, der Trumps Außen- und Sicherheitspolitik maßgeblich steuert. Geht das Experiment mit dem neuen Interventionismus gut, muss man 2028 mit ihm rechnen. Erweist sich der Interventionismus am Ende aber doch als gar nicht so neu und wird Amerika in einen langen Krieg verwickelt, vor dem Vance gewarnt hat, verteidigt dieser wohl seinen Platz.
