FAZ 23.09.2026
11:00 Uhr

Aufrüstung und Politik: Kampf um die Rüstungsmessen


Mit der Aufrüstung nimmt auch das Interesse an Rüstungsmessen zu. Der Wettbewerb ist hochpolitisch. Und manche Städte beklagen eine Ungleichbehandlung durch das Verteidigungsministerium.

Aufrüstung und Politik: Kampf um die Rüstungsmessen

In diesen Tagen ist das Uniform-Aufkommen in Essen höher als sonst. Das liegt daran, dass in der Messe der Ruhrgebietsstadt die Jahreskonferenz des NATO Joint Air Power Competence Centre (JAPCC) stattfindet, des NATO-Kompetenzzentrums für alles rund um Luft- und Weltraummacht. Aus allen 32 NATO-Mitgliedsstaaten kommen ranghohe Militärvertreter zusammen. Alle zwei Jahre fällt die Jahrestagung mit der Sicherheitsmesse Security zusammen, doch die „Zeitenwende“ zeigt sich nun auch in Essen. Denn erstmals richtet die Messegesellschaft mit der Euro Defence Expo eine dezidierte Rüstungsveranstaltung aus, zu der sich mehr als 350 Aussteller angemeldet haben, für zivile Sicherheit kommen weitere rund 520 Aussteller dazu. „Mit der Security und der Euro Defence Expo kommt hier in Essen etwas zusammen, das es so in Europa bisher noch nicht gibt: zivile Sicherheit, militärische Anforderungen und industrielles Know-how – alles an einem Standort“, sagt der Messechef Oliver Kuhrt im Gespräch mit der F.A.Z. Konkurrenz um Messen Angekündigt hat die Messe die Erweiterung auf Verteidigung schon vor zwei Jahren, angesichts des gestiegenen Interesses rund um Rüstung gibt es hierzulande aber einen ausgeprägten Wettbewerb. Nicht nur zwischen Messegesellschaften, sondern auch über Parteigrenzen und Bundesländer hinweg. Die Konkurrenz um Messen ist immer politisch, denn die deutschen Gesellschaften sind fast ausnahmslos im Besitz von Stadt und Ländern. Gerade wenn es um Verteidigung geht, spielt die Politik noch eine gewichtigere Rolle, ist die Kunden-Lieferanten-Beziehung doch direkt vom Staat abhängig. Deshalb ist der Wettbewerb um Rüstungsmessen besonders brisant. Das Interesse an Rüstungsmessen steigt Vier Fünftel der Anteile an der Essener Messe hält etwa die Stadt Essen, in Nürnberg teilen sich Stadt und der Freistaat Bayern die Anteile nahezu auf, in Hannover ist es mit der Landeshauptstadt und dem Bundesland Niedersachsen ähnlich. Mit 55 Veranstaltungen im Jahr und einem Umsatz von 83 Millionen Euro gehört die Messe Essen eher zu den kleineren in Deutschland. Umso wichtiger ist der Erfolg neuer Veranstaltungen. Zur letzten Ausgabe der Security kamen rund 20.000 Fachbesucher, jetzt mit der Erweiterung dürften es deutlich mehr werden. Wie der Zuspruch steigt, hat die Messe Düsseldorf gemerkt, als sie ihre Drohnenschau Xponential zur zweiten Ausgabe in diesem Jahr für das Militär geöffnet hat. Die Leitmesse für innere und äußere Sicherheit in Deutschland kommt seit Jahren aus Nürnberg. Seit 2012 gibt es die Enforce Tac, die in diesem Jahr in sieben Hallen gut 1500 Aussteller versammelte. Auch sie spürt den Aufwind: mit 26.500 Besuchern verzeichnete die Enforce Tac ein Plus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Hannover allerdings wird im kommenden Frühjahr mit der DSEI Germany eine komplett neue Rüstungsmesse veranstaltet. 900 Aussteller sollen gleich zur ersten Austragung kommen, darunter Rüstungsgiganten wie Rheinmetall. Die DSEI ist ein Ableger einer schon etablierten britischen Messe, veranstaltet wird sie deshalb auch in Zusammenarbeit mit Clarion, einem der größten privaten Messeanbieter der Welt, die dem Investor Blackstone gehört. Clarion richtet etwa auch die Internationale Funkausstellung (IFA) in Berlin mit aus. Und nun auch eine Rüstungsmesse. Gibt es eine Bevorzugung? Deutschland könne mit der Messe eine „wichtige Plattform erhalten, um seine wehrtechnische Leistungsfähigkeit, Technologieführerschaft und Innovationsstärke auf internationalem Parkett zu demonstrieren“, ließ sich der Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) im März zitieren. Pistorius hat seinen Wahlkreis in Hannover. In Niedersachsen regiert die SPD. In Nürnberg, traditionell CSU-Gebiet, stößt vor allem der gewählte Zeitpunkt der Konkurrenzmesse auf Missfallen, findet die DSEI doch nur eine gute Woche nach der Enforce Tac statt. Es dürfte einige Aussteller geben, die ihren Fokus nur auf eine der Veranstaltung legen. „Die Terminwahl betrachten wir eher als einen unfreundlichen Akt“, sagte Nürnbergs Messechef Peter Ottmann kürzlich der Süddeutschen Zeitung. Und äußerte den Verdacht, dass Hannover bevorzugt behandelt werden könnte aus dem Verteidigungsministerium. Verteidigungsministerium ohne Stand auf Euro Defence Expo in Essen Auch in Essen sieht man die Tendenz. „Gerade im Vorfeld hätten wir uns aus dem Ministerium in Berlin einen ausgewogeneren und gleichberechtigteren Umgang mit den Messestandorten gewünscht“, sagt Essens Messechef Kurth. „Kontinuierlich und verlässlich“ unterstütze hingegen die nordrhein-westfälische Landesregierung das neue Format. In Essen stellt die CDU den Bürgermeister, wie auch den Ministerpräsidenten im bevölkerungsreichsten Bundesland. Die schwarz-grüne Landesregierung hat zuletzt zahlreiche Initiativen wie etwa Start-up-Förderungen installiert, um Nordrhein-Westfalen für Rüstungsansiedlungen attraktiver zu machen. Rheinmetall hat seinen Sitz in Düsseldorf, das größte Werk des Dax-Konzerns liegt allerdings in Niedersachsen, die wichtige Pulverproduktion wird wiederum in Bayern jetzt ausgebaut. Auch wenn es keinen direkten Stand des Verteidigungsministeriums auf der Rüstungsmesse in Essen gibt, nehmen mehrere Bundeswehrvertreter an Podien teil. Auf Anfrage gibt das Bundesverteidigungsministerium an, „Medienberichte und Aussagen Dritter“ nicht zu kommentieren. Das Ministerium unterstütze und befürworte alle Maßnahmen, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken, wozu auch Messen einen Beitrag leisten könnten, teilt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums mit. Wie sie die Bundeswehr beteilige, werde immer nach der Ausrichtung der Messe, dem Ausstellerumfeld und der Zielgruppe, sowie den Bedarfen der Bundeswehr geprüft. „Insofern finden keine ‚Bevorzugungen‘ statt“, sagte die Sprecherin.