Man kennt sie vom Flughafen oder dem Eingang ins Hotel – Glasdrehtüren. Eine oder einer rein, der oder die andere raus. Es sei denn, Kinder sind dabei. Die drehen gern eine Ehrenrunde. Ist ja spannend, so ein Karussell zum Mitlaufen. Beim Handball-Drehgestell war es in den vergangenen Tagen und Wochen schon etwas schwieriger, Schritt zu halten. Denn Fußballtrends haben im zweitliebsten Sport der Deutschen Einzug gehalten: Die Vertragswerke der Profis sind mit Ausstiegsklauseln und festgeschriebenen Ablösesummen durchsetzt. Und sie werden, anders als im Fußball, schon Jahre vor Ablauf neu geschlossen: bei anderen Klubs. So geschehen zuletzt bei Juri Knorr und Renārs Uščins. Neben der Drehtür könnten einem auch Dominosteine einfallen, um die fortlaufende Bewegung zu illustrieren. Als Juri Knorr vergangene Woche seinen Weggang aus Aalborg vor der Zeit verkündete, hatte sich der dänische Klub schon mit dem THW Kiel verständigt, zum 1. Juli 2027 den färöischen Spielmacher Elias Ellefsen á Skipagøtu nach Nordjütland zu holen. „Jetzt haben wir eine andere Dynamik auf dem Markt“ Und vielleicht auch Felix Claar vom SC Magdeburg? Der hat beim deutschen Champion einen Vertrag bis zum 30. Juni 2028. Den er auch erfüllen wird, verspricht SCM-Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt, ehe er grundsätzlich wird: „Ablösen waren im Handball bis vor zwei, drei Jahren kaum ein Thema. Jetzt haben wir eine andere Dynamik auf dem Markt. In der Tendenz werden Spieler immer früher verpflichtet, Verträge haben Klauseln. Wir müssen uns dem stellen und mehr Flexibilität im Budget haben.“ Wer heute – wie Magdeburg – einen Spieler zum 1. Juli 2028 ablösefrei unter Vertrag nimmt wie Thibaud Briet aus Nantes, der braucht das Geld für dessen Gehalt nicht sofort, sondern in 20 Monaten. Der SCM unter Schmedt bindet Sponsoren deswegen jetzt schon nach Möglichkeit länger als das branchenübliche Jahr, um handlungsfähig zu bleiben. Was in Zeiten wirtschaftlicher Sorgen sicher nicht einfach ist, denn auch auf Partnerseite bindet das ja Geld. Übrigens ist bei Briet das letzte Wort noch nicht gesprochen, Stichwort Drehtür: Da der Magdeburger Abwehrspieler Elvar Örn Jónsson den SCM zur kommenden Saison nach zwei Jahren in Richtung Rhein-Neckar Löwen verlassen wird, wäre im Grunde schon am 1. Juli 2027 Platz für einen Neuen. Ob der SCM sich mit Nantes auf ein früheres „au revoir“ einigen kann? 250.000 Euro Ablöse soll Aalborg für Knorr bekommen Apropos Frankreich: Der heißeste Deal des Jahres wurde jüngst in Paris abgeschlossen. Juri Knorr, Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft, wird vom 1. Juli 2027 an Paris Saint-Germain verstärken. „Ein Handel in Rekordhöhe“, schreibt Knorrs aktueller Verein Aalborg Håndbold auf der Homepage. 250.000 Euro sollen die Franzosen bereit sein, zu zahlen. Ein guter Deal für die Dänen, hatten sie Knorr doch „für lau“ bekommen, weil er bei den Rhein-Neckar Löwen eine Ausstiegsklausel für den 1. Juli 2025 besaß. In der französischen Hauptstadt wird der 26-Jährige auf seinen Nationalmannschaftskollegen Renārs Uščins treffen. Der Linkshänder verlässt die TSV Hannover-Burgdorf Ende Juni 2027 und soll in Paris gemeinsam mit Knorr eine neue Mannschaft bilden, die in der Lage ist, die Champions League zu gewinnen. Eigentlich hatte der bodenständige Rückraumspieler andere Pläne. Im Grunde einig mit der SG Flensburg, kam dort Francisco Costa ins Spiel, der wohl beste junge Linkshänder der Handballwelt aus Lissabon. Die SG stemmte die ungewöhnlich hohe Ablöse für ihn und seinen Bruder Martim in Höhe von 1,5 Millionen Euro und entschied sich gegen Uščins. Das Geld dafür kommt teilweise von einem langjährigen Sponsor, der inzwischen auch in der Rüstungsindustrie tätig ist. In Paris werden sich Knorr, Uščins und Trainer Parrondo treffen Bei Uščins stoppte die Drehtür also zunächst gewissermaßen vor seiner Nase. Doch dann öffnete sich das Pariser Tor. Wo er und Knorr von Roberto Parrondo trainiert werden, dem derzeitigen Coach beim Bundesligaklub MT Melsungen. Der Spanier bastelt im Hintergrund an seinem Team, das von 1. Juli 2027 an zu höchsten Leistungen in der Lage sein soll. Eine Rückraumkette mit Knorr in der Mitte, Uščins rechts und Elohim Prandi links klingt verheißungsvoll. Melsungen hat Parrondos Nachfolger Jaron Siewert übrigens schon seit 1. Juli unter Vertrag. Bleibt die Frage, was die beiden Nationalspieler wirklich bewegt hat, den nächsten Schritt zu tun. Bei Uščins lag es nah, sich abseits von Hannover weiterbilden zu wollen. Knorr sucht eine nächste Herausforderung für Geist und Körper – neue Sprache, neue Kultur. Der Mann braucht Input. Das Leben besteht für ihn aus mehr als Bälle werfen. Aktuell spielt er bei den schwächelnden Aalborgern die Hauptrolle: auf der Mitte gesetzt, liegt der Fehlstart der erfolgsverwöhnten Dänen am allerwenigsten an ihm. Die frische Dynamik auf dem Markt bringt Sieger und Verlierer. Zu Letzteren gehören Klubs wie Hannover. Wenn in einem Dreivierteljahr nicht nur Uščins geht, sondern auch Fanliebling Justus Fischer (zum THW Kiel), fehlt der TSV die Achse. Überhaupt ist es die Bundesliga-Mittelklasse, die leidet – Gummersbach ohne Julian Köster (ebenfalls Kiel) ist nur halb so schön. Manager wie Christoph Schindler bei den Oberbergischen müssen die Lösung ohne dickes Portemonnaie finden. Auf Sicht werden sich die vier Riesen der Branche – SC Magdeburg, THW Kiel, Füchse Berlin und die SG Flensburg – auch dank der aktuellen Entwicklung – oben absetzen. Für den großen Rest bleiben vom Kuchen die Krümel: Talente, die den Weg über die zweite Liga gegangen sind, oder junge Spieler aus dem Ausland. Ohne Ablösesummen zahlen zu müssen. In Branchenkreisen sind das die sogenannten kreativen Lösungen. Auch sie haben ihren Reiz.
