Ötzi war kein Vegetarier. Zwar gehörte der Mann, dessen von Wind und Kälte mumifizierte Leiche im September 1991, also vor 35 Jahren, auf dem 3210 Meter hohen Tisenjoch an der Grenze zwischen Tirol und Südtirol entdeckt wurde, einer Volksgruppe der ausgehenden Jungsteinzeit an. Diese Menschen betrieben zu Ötzis Lebzeiten vor rund 5200 Jahren überwiegend Ackerbau. Und anders als nach seiner Entdeckung zuweilen vermutet, war Ötzi auch kein Hirte, der seine Tiere dort oben auf Almweiden hütete – diese Praxis ist dort erst in der mittleren Bronzezeit nachgewiesen, anderthalb Jahrtausende nach Ötzis Tod im Hochgebirge. Aber Ötzi aß Fleisch. In seinem Magen blieb seine letzte Mahlzeit noch weitgehend intakt erhalten und konnte wissenschaftlich untersucht werden. Demnach bestand sie vor allem aus Dörr- oder Räucherfleisch vom Steinbock, gut 50 Prozent seines Mageninhalts war tierisches Fett. Daneben fand sich etwas Rothirsch und Getreide, nämlich Einkorn, eine Weizenart. Immerhin verzehrte Ötzi dieses als Vollkornprodukt. Daneben hatte er an Pflanzlichem nur noch etwas Adlerfarn (Pteridium aquilinium) zu sich genommen, was den Wissenschaftlern noch immer Rätsel aufgibt, denn diese Pflanze ist giftig, zumindest dann, wenn man sie roh verzehrt. Denn sie enthält unter anderem Blausäureglykoside, vor allem die jungen Blätter, die Ötzi auf seiner letzten Wanderung vor allem zur Verfügung gestanden haben müssen, denn er starb früh im Jahr, vermutlich im Mai oder Juni. Die Anwesenheit des Farns in seinem Magen wurde zuweilen pharmazeutisch gedeutet, auch wenn die gemutmaßte Wirkung von Adlerfarn gegen Peitschenwürmer, eine Sorte von Darmparasiten, unter denen Ötzi litt, bei Menschen nicht nachgewiesen ist. Aber so einen vormodernen Burschen stellen wir uns heute ja gerne kräuterkundig vor. Aber vielleicht hatte Ötzi ja auch nur sein Steinbock-Jerky in Farnblätter gewickelt. Wie auch immer, der Mann und sein Verdauungstrakt sind eine Fundgrube für Botaniker, genauer: Archäologen, denen Botanik hier wichtige Indizien zu liefern vermag. Eine umfassende Studie aus dem Jahr 2019 fand Spuren von nicht weniger als 75 Arten von Moosen und Lebermoosen, obgleich an der Fundstelle selbst heute lediglich 21 Arten dieser einfachen Pflanzen vorkommen. Ein Drittel der beim Ötzi nachgewiesenen Moose wachsen oberhalb einer Höhe von 3000 Metern überhaupt nicht – der Mann muss sie an seiner Kleidung oder durch zufällige Aufnahme mit der Nahrung aus tieferen Lagen eingeschleppt haben. Sie stützen diverse andere Hinweise, dass er von Süden aus dem heutigen Vinschgau kam und über das Schnalstal auf das Tisenjoch stieg. Noch aufschlussreicher als die Moose aber sind die verschiedenen Pflanzenpollen in seinem Darm. Sie erlauben es, Ötzis Weg während seiner letzten 30 bis 35 Stunden hinsichtlich des Profils der durchstreiften Vegetationszonen nachzuzeichnen: Wie Kiefern- und Fichtenpollen nahelegen, hat er sich offenbar zunächst in einem subalpinen Nadelwald nahe der Baumgrenze aufgehalten, auf ungefähr 2500 Meter Höhe. Dann stieg er in tiefere Lagen ab. Ausweislich großer Mengen an Pollen von Hopfenbuche und Haselnuss im mittleren Dickdarm befand er sich nun auf höchstens 1200 Metern. Danach stieg Ötzi wieder auf und nahm seine letzte Mahlzeit möglicherweise noch in einem subalpinen Nadelwald ein, bevor er keine halbe Stunde später das Tisenjoch erreichte, wo ihn jemand mit einem Pfeilschuss tötete.
