Wie eng Buchgestaltung mit den gestalterischen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit verbunden ist und ganz im Wortsinn Anschauungen prägt, könnte eine solche Retrospektive aus sechzig Jahren Wettbewerb „Die schönsten deutschen Bücher“ zeigen. Da diese Jubiläumsausstellung der damals gegründeten Stiftung Buchkunst ihre Zugehörigkeit zum Frankfurter „World Design Capital 2026“-Programm ausdrücklich betont, lässt sich fragen, warum man nicht die Chance genutzt hat, die jüngere Geschichte der Buchgestaltung einmal tatsächlich ausführlich und dem Rahmen angemessen zu präsentieren. Angesichts der umfangreichen Geschichte des Mediums Buch in der Bundesrepublik hätte es viel zu zeigen gegeben. So indes verwundert die angesichts der Zeitspanne und der Fülle der Archive kleine Ausstellungsfläche und noch mehr der Verzicht auf jegliche Form eines informierenden Textes. Da wäre doch einiges zu erzählen gewesen. Beispielsweise, dass das Medium Buch sowie die Arbeit des Gestalters in den letzten sechzig Jahren einen fundamentalen Wandel durchlebten. Oder dass mit der Wiedervereinigung eine ganze Buchgestaltungslandschaft inklusive gleichnamiger Hochschule in Leipzig in den Wettbewerb überging. Doch von einem Hinweis darauf fehlt jede Spur. Das ist keine Marginalie, schließlich gab es hervorragende Buchgestalter und Illustratoren in der DDR, und die Gebrauchsgrafik war ein Aushängeschild des dortigen Designs. Resultierende Publikationen, die damals sehr erfolgreich waren, sind heute aber zu einem Großteil vergessen und wurden nicht in den gesamtdeutschen Kanon aufgenommen In der Ausstellung wiederholt sich stattdessen, was zu erwarten war. Und auch die Herausforderung, eine Ausstellung mit Büchern so umzusetzen, dass diese sowohl als Ausstellungsobjekte (es handelt sich schließlich um ein paar besonders schöne der schönsten Bücher) als auch als Anschauungsobjekte zum Durchblättern funktionieren, wird nicht gemeistert. In der Ausstellungsarchitektur aus schwarzen Plastikboxen gehen die mitunter filigransten Papiere und grafischen Gestaltungen unter. Gestaltung prägt unseren Blick auf den Inhalt mit Gerade jetzt, in Zeiten digitaler Textflut, behauptet sich das Buch nur durch gute Gestaltung, Textordnung und Haptik. Im Wettbewerb der Stiftung Buchkunst geht es dabei ausdrücklich nicht um Künstlerbücher, sondern um das Buch als Gebrauchsmedium. Ausgezeichnet wurden deshalb auch Standardausgaben wie der Duden oder der Diercke-Weltatlas, beides Werke, die durch digitale Vereinfachungen aber immer weniger zur Hand sind. Noch viel mehr als vor sechzig Jahren unterliegt das Buch gestalterischen Notwendigkeiten. Es ist Teil einer visuellen Kultur, nicht nur einer literarischen: Das Schöne bestimmt vielleicht mehr denn je die aktuelle Buchproduktion. Verlage stehen unter Kostendruck, umso mehr kommt es auf herstellerische Sorgfalt und gute verlegerische Konzepte an. Das zeigen auch gestalterische Strömungen der letzten Jahre. An der Schnittstelle von Kunst und Grafikdesign erreicht das Buch ein breites und junges Publikum, unterstützt durch bildstarke Präsenz in den sozialen Medien. Neben etablierten Verlagen wie Suhrkamp oder Hanser, die immer wieder prämiert worden sind, dominiert seit einigen Jahren der Leipziger Verlag Spector Books die Auswahl der Stiftung, bisweilen mit jährlich gleich mehreren Auszeichnungen. Der gestalterische Wunsch nach Störung Die zeitgenössische Buchgestaltung liegt allerdings ganz in den Händen von Adobe Systems, an deren Gestaltungssoftware kaum mehr vorbeizukommen ist. So viel zu den unendlichen Möglichkeiten des Digitalen – hier liegt ein unglaubliches Machtmonopol inklusive der dazugehörigen Serverabhängigkeiten. Wie stark das Medium das Ergebnis bedingt, zeigt ein Buchprojekt ganz deutlich: Luis Adrian Borchardt ist mit seinem „Anti-Environments“ schon zum zweiten Mal ausgezeichnet worden, dieses Jahr im Hauptwettbewerb, im vergangenen Jahr gab es den Förderpreis. Das Buch erschien im Verlag Scheidegger und Spiess, liegt jedoch auch im Web-to-Print-Format vor. Ausgaben wie diese bieten niedrigschwellige Alternativen zu herkömmlichen verlegerischen Verfahren. Man könnte sie sich mit der entsprechenden Datei also auch einfach selbst ausdrucken. Das vollständig in Google Sheets angelegte Werk besteht aus einseitig bedruckten A4-Blättern. Borchardt versucht mit möglichst einfachen Mitteln, offene Oberflächen und durch die Verwendung von Open-Source-Programmen Unabhängigkeit zu schaffen. Digitale Anwendungen und Gestaltungssoftware sind auf möglichst intuitive Anwendung und reibungslose Abläufe ausgelegt. Borchardt suchte das Gegenteil und schuf sich in Programmen, die nicht auf Gestaltung ausgelegt sind, Räume, die genau das boten: Störung – ganz im Sinne des Medientheoretikers Marshall McLuhan, von dem auch der Titel des Buches „Anti-Environments“ stammt. In solchen „Gegenumgebungen“ liegt laut Borchardt das Potential, unsere weniger sichtbaren, aber allgegenwärtigen technologischen oder kulturellen Gewohnheiten zu erkennen. Das gelingt seinem Band, wenn man sich einmal mit Muße auf die ungewohnte Sehweise eingelassen hat, in eindrücklicher Weise. Den diesjährigen Preis der Stiftung Buchkunst erhielt das im Kunstanstifter Verlag erschienene Buch „Was tun, wenn ... – Kleine Hilfe bei großen Katastrophen“, illustriert und gestaltet von Laura Momo Aufderhaar und Verena Hochleitner. Angesichts der rasanten Entwicklung durch Künstliche Intelligenz im Bereich der Gestaltung darf man wohl gespannt sein, was die kommenden sechzig Jahre bringen werden. Das Ende des gedruckten Buches ist aber dabei nicht in Sicht. 60 Jahre schöne Bücher. Im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main; bis zum 1. November. Kein Katalog.
