11. September 2001 Als Manhattan im Chaos versank Von ALFONS KAISER (Text) und HELMUT FRICKE (Fotos) 10. September 2026 · Die Terroranschläge von 2001 erschütterten New York und die ganze Welt. F.A.Z.-Redaktionsfotograf Helmut Fricke suchte in der niederschmetternden Katastrophe nach den menschlichen Geschichten. Nach dem Zusammensturz: Angestellte fliehen über die Brooklyn Bridge aus Manhattan. Mahmood Khalid wollte uns nicht fahren. Um 8.08 Uhr hatte der Taxifahrer eine Kundin am World Trade Center abgesetzt, im Fahrtenbuch hatte er es aufgezeichnet. „Zum Glück habe ich mich da nicht in die Schlange der wartenden Taxis gestellt“, sagte Khalid. „Bin gleich wieder Richtung Midtown gefahren.“ Nun war er an der 34. Straße in Midtown und wollte auf keinen Fall wieder zurück nach Downtown Manhattan, wo zwei Türme brannten: der Nordturm des World Trade Centers seit 8.46 Uhr, als der American-Airlines-Flug 11 zwischen der 93. und 99. Etage einschlug, der Südturm seit 9.03 Uhr, als der United-Airlines-Flug 175 etwas tiefer einschlug, zwischen dem 77. und 85. Stockwerk. „Ich mache das nicht“, sagte Mahmood Khalid, als wir an der achten Avenue in sein Taxi stiegen. „Nicht nach da unten.“ Aber wenigstens schon mal in die Richtung? „Nein!“ Bitte, wir sind Journalisten, wir müssen dahin! „Ah, Reporter? Na gut.“ Nun hatte er eine Mission. Er bog in die 35. Straße ein, dann wieder nach links, über die neunte Avenue nach unten. Eigentlich waren wir zur Modewoche nach New York gekommen. Marc Jacobs hatte am Abend des 10. September seine Kollektion fürs nächste Frühjahr an Pier 54 gezeigt. Außerdem wollten wir Reportagen aus New York mitbringen. Am 11. September um 15 Uhr hatten wir einen Termin mit einem Zimmermann, der die Wassertanks aus Holz repariert, die auf so vielen Dächern stehen. Und am 12. September wollten wir einen Mann treffen, der vor der Public Library saß und gegen Geld auf der Schreibmaschine die Lebensgeschichte seiner Kunden auf einem Blatt Papier zusammenfasste. In der Nacht zum 11. September: Auf dem Fulton Fish Market in Downtown Manhattan wird schon in den frühen Morgenstunden gehandelt. Die Nacht auf den 11. September verbrachten Helmut Fricke und ich auf dem Fulton Fish Market, dem letzten innerstädtischen Großmarkt in Manhattan. Am Abend des 10. September hatte es geregnet. Die Straßen glänzten, als wir am 11. September nachts um halb eins dorthin fuhren. Helmut fotografierte, ich schrieb alles auf. Die Händler beschwerten sich darüber, dass der Großmarkt bald in die Bronx verlegt werden sollte. Viele wollten aber nicht reden. Sie dachten wohl, dass wir von der Gewerbeaufsicht kamen. Ein Gabelstaplerfahrer fuhr auf uns zu und stoppte erst kurz bevor uns die Zinken berührten. Um fünf Uhr fuhren zurück ins Hotel an der 34. Straße und duschten, denn wir stanken nach Fisch. Anruf aus Frankfurt: „Fahrt da mal hin!“ Um kurz vor neun Uhr ein Anruf aus der Frankfurter Redaktion: „Da ist ein kleines Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Fahrt mal dahin!“ Ich weckte Helmut im Nebenzimmer, schaltete dann in meinem Zimmer den Fernseher ein. In dem Moment flog das zweite Flugzeug in den Südturm. Die Fernsehmoderatoren schrien entsetzt auf. Der Sprecher rief: „No! A huge explosion in the second tower!“ Die Sprecherin rief: „Oh my God!“ Wir liefen runter auf die Straße und hielten das Taxi an, in dem Mahmood Khalid saß. Sie suchen festen Halt: Nach dem terroristischen Anschlag auf die Zwillingstürme sind die Menschen an der Hudson Street (Höhe Harrison Street) entsetzt. Zuerst getroffen: Der Nordturm des World Trade Centers brennt. Nun fuhren alle hinunter, Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei, Lastwagen mit Absperrgittern auf der Ladefläche. Mahmood Khalid bog nach rechts ab. „Auf den Avenues ist zu viel los.“ Also durch den Meatpacking District. Vor den Türen der Schlachthäuser, die es damals dort noch gab, blickten Metzger in blutverschmierten Kitteln ungläubig zum Rauch der beiden Türme auf, der immer dicker wurde. Mahmood Khalid drehte das Radio auf, Präsident George W. Bush sprach mit bebender Stimme von einer „nationalen Tragödie“, von einer „terroristischen Attacke auf unser Land“. Ein Radiosprecher sagte, alle Tunnel und Brücken seien gesperrt: „Es sieht aus wie ein riesiger Tornado. Papiere flattern aus den Türmen herunter. Alle unten in der Stadt rennen.“ Und: „Bleiben Sie, wo Sie sind! Gehen Sie nur nicht da hinunter!“ „They’re jumping! They’re jumping!“ Vor den Telefonzellen Schlangen, das Handynetz war schon überlastet. Ein Land Rover mit offenen Türen auf dem Gehweg, rundherum zehn, zwölf Personen, die Radionachrichten aus dem Auto hörten. An der West Houston Street eine Straßensperre, nur Rettungswagen kamen durch. Wir stiegen aus und liefen weiter nach Süden. Mahmood Khalid wendete und fuhr zurück Richtung Norden. An der Hudson Street roch es schon verbrannt. Alle möglichen Sirenen schrillten. Zwei Frauen versuchten, nicht hoch zu blicken, nur zu Boden, und umarmten sich. „Go North“, riefen die Polizisten, „go North!“ Eine Polizistin schob die Menschen einzeln die Hudson Street hoch. „Move!“ Weiter zum Broadway, aber an der Ecke zur St. Paul’s Chapel, nur 400 Meter von den Türmen entfernt, eine Polizeikette. Wie sollte Helmut so Fotos machen? Wir gingen ins Woolworth Building, um mit dem Aufzug hochzufahren für einen Überblick. „Geht nicht“, sagte der Pförtner, „die meisten haben das Gebäude schon verlassen.“ Aber für zehn Dollar? „Nein!“ 20 Dollar? „Nein!“ Draußen die Polizisten: „Alle müssen raus hier! Raus auf die Brooklyn Bridge!“ Durch die Polizeikette kamen weiße Gestalten. Ein großer Mann schaute uns mit riesigen Augen an und rief: „They’re jumping! They’re jumping!“ Wir verstanden das gar nicht. Wir wussten noch nicht, dass man das Feuer dort oben gar nicht löschen konnte, dass es in den Stockwerken darüber unendlich heiß wurde, dass die Türen aufs Dach verschlossen waren, dass die Hubschrauber wegen des dichten Rauchs ohnehin nicht dort oben landen konnten, dass die Menschen über den Einschlagstellen also kaum noch eine Chance hatten. Von den mehr als 1000 Angestellten, die sich im Nordturm über der Einschlagstelle befanden, überlebte niemand. Im Südturm, aus dem viele schon mit den Aufzügen hinabgefahren waren nach der Explosion im Nordturm, kamen in den oberen Etagen etwa 600 Menschen um. Nur 18 Personen fanden im Südturm durch das nur teils zerstörte Treppenhaus A den Weg hinab und hinaus. Der Staub kam wie eine weiße Wand 9.58 Uhr. Plötzlich knallte es, und aus dem Rauch platzte ein Feuerball. Der Südturm brach in sich zusammen, zuerst wie in Zeitlupe, dann immer schneller. „Mein Gott!“ Schreie, Rufe, Trampeln. „Raus, raus, raus!“ Der Staub kam wie eine weiße Wand aus Barclay Street, Vesey Street, Fulton Street. Alle rannten Richtung Brooklyn Bridge. Die Flüchtenden rempelten sich an, schrien, stolperten, eine Frau fiel hin und rappelte sich auf. Plötzlich stürzt der Südturm zusammen: Eine Frau flieht schreiend vor der Staubwolke. Links die Pace University, rechts das Woolworth Building. Helmut blieb auf einer Mauer stehen, drehte sich um und fotografierte. Obwohl es die wohl am besten dokumentierte Katastrophe der Geschichte ist, sind seine Bilder seltene Dokumente. Denn wegen der hohen Hochhäuser und der engen Bebauung im Süden von Manhattan zeigen die Fotos und Filme des Tages meist entweder die zusammenstürzenden Türme oder die fliehenden Menschen; auf diesen Fotos ist beides zu sehen. Der Schrei einer weglaufenden Frau erinnert an das Gemälde „Der Schrei“ von Edvard Munch. Manche hielten sich ihr T-Shirt vor die Nase, andere halfen wildfremden Menschen über den Zaun von der Fahrspur auf den Fußgängerweg. Eine Frau nahm eine andere unter ihren Schirm. Autofahrer fuhren ganz langsam, stellten die Scheibenwischer an gegen den Staub und hupten, um die Fußgänger zu warnen. Einer hielt an, und hinten zog jemand eine ältere Frau hinein. Als ich wegen des Staubs nichts mehr sah, lief ich auf der weißen Fahrbahnmarkierung, um die Richtung zu halten, dann musste ich mich bücken, um den Strich noch zu sehen, weil alles weiß wurde, dann sah ich ihn nicht mehr, lief gegen einen Zaun, hangelte mich daran entlang, raus auf die Brücke, in Richtung Brooklyn. Kurz nach dem Zusammensturz: Aus der Staubwolke kommen noch Tausende Menschen. Wie eine Mondlandschaft: Nach dem Einsturz der beiden Türme ist der Süden von Manhattan von einer dicken Staubschicht überzogen. Manche hatten unterwegs ihre Schuhe verloren Aus der weißen Wand kamen immer noch Menschen, Hunderte, Tausende. Einige husteten. Ein Mann gab einem anderen Wasser. Einer spülte sich die Augen aus. Handys wurden ausgeliehen, aber noch immer kein Empfang. Sie reichten sich Taschentücher, gaben Nachrichten aus dem Radio weiter über weitere entführte Flugzeuge. In einer langen Prozession zogen sie hinaus nach Brooklyn, einige barfuß, weil sie unterwegs ihre Schuhe verloren hatten, einige mit zerfetzter Kleidung, weil Trümmer sie getroffen hatten, einige mit nacktem Oberkörper, weil sie das Hemd vors Gesicht hielten. Viele trugen Mundschutz, den Sicherheitsleute in ihren Büros noch schnell verteilt hatten. Nach dem Einsturz des Nordturms um 10.28 Uhr: Wegen der Asbestbelastung des zuerst gebauten Hochhauses ist der Staub dunkler und flockiger. Nach dem Einsturz des Nordturms um 10.28 Uhr: Wegen der Asbestbelastung des zuerst gebauten Hochhauses ist der Staub dunkler und flockiger. Irgendwann tauchte auch Helmut auf. Er hielt sich nichts vors Gesicht, er musste ja fotografieren und hatte keine Hand frei. Als der Staub sich legte, gingen wir langsam zurück. Um 10.28 Uhr wieder ein Donnern. Der Nordturm stürzte in sich zusammen. Er war zwar früher getroffen worden als der Südturm, aber so hoch, dass die zerstörten Stockwerke weniger Last trugen und erst später nachgaben. Staub und Asche waren dunkler und flockiger als beim Südturm, wegen des Asbests. Der Bau des Nordturms begann 1968, als Asbest noch auf die Stahlträger aufgesprüht wurde. Als der Bau des Südturms 1969 begann, durfte man die hitzebeständigen Mineralfasern am Bau nur noch eingeschränkt einsetzen, sie sind krebserregend. An den Spätfolgen der Asbest- und Staubbelastung sind bis heute weit mehr Menschen gestorben als die 2996 Personen, die am 11. September direkt umkamen. Und wegen der sehr langen Inkubationszeit von Lungenkrebs werden es noch viel mehr werden. Wir liefen zu Fuß die fünf Kilometer ins Hotel zurück An den Gittern des City Hall Parks saßen Polizisten und hielten sich mit beiden Händen den Kopf. Aus den Funkgeräten dröhnten Anweisungen, aber niemand achtete darauf. Etwas weiter saßen zwei Verletzte am Bordstein. Polizisten beugten sich über sie. Im dicken Staub auf der Straße lagen Flip-Flops, etwas weiter ein einzelner Damenschuh. Auf dem Gehweg lag eine Zeitschrift mit dem Titel „Lucky“. Wir liefen zu Fuß die fünf Kilometer ins Hotel zurück, weil die U-Bahnen nicht fuhren, entwickelten Bilder, schickten den Text, aßen etwas und gingen am späten Nachmittag wieder hinunter. Über dem Süden der Insel noch immer der gigantische Rauchball, jetzt aber langgezogen, quer über Lower Manhattan gelegt. Keine Autos auf den Straßen. Fußgänger, Radfahrer, Inline-Skater, Skateboarder eroberten sich die achte Avenue, als wäre nichts gewesen. An der West Houston Street wieder die Straßensperre. Ein Mann sagte zu einem Polizisten, er müsse durch, sein Lebensgefährte wohne im Haus neben dem World Trade Center, er habe mit ihm schon telefoniert, er wisse nicht, was er tun solle. Aber der Officer ließ ihn nicht durch. Die Männer, die wiederkamen, waren grau im Gesicht Alle paar Minuten schossen Polizeiwagen den Broadway hinunter. An der Houston Street Lastwagen an Lastwagen: Räumfahrzeuge, Abschleppwagen, Tankwagen mit Diesel, Müllwagen, Wasserwagen, Trucks, Raupen, Tieflader mit Baggern, Lastwagen mit Gerüsten. An der Bowery sagte ein Paar zu einem Polizisten: „Können wir durch? Wir wohnen da vorne!“ – „Geht nicht!“ Helmut Fricke war jahrzehntelang Redaktionsfotograf der F.A.Z. Den Terroranschlag auf das World Trade Center und seine Folgen dokumentierte er nach dem 11. September noch tagelang. Hier ist er an „Ground Zero“ zu sehen.Alfons Kaiser Ein Polizist schließlich freute sich, deutsche Journalisten zu sehen: „Ah, Germans!“ Er ließ uns einfach durch. Also zur Canal Street, dann rechts in die Lispenard Street, Franklin Street, Duane Street. „Frozen zone“: niemand auf der Straße, alles dunkel. Westlich des Broadway, wo auch die Türme standen, gab es keinen Strom. In der Feuerwache an der Duane Street Notlicht, Jacken mit leuchtenden Streifen an den Wänden, ein Einsatzplan auf der Tafel vom Tag davor. Die Männer, die wiederkamen, waren grau im Gesicht und sagten kein einziges Wort. Alfons Kaiser ist Redakteur der F.A.Z. Mit seinem Kollegen Helmut Fricke war er im September 2001 eigentlich zur Modewoche nach New York gereist. Seit neun Uhr am 11. September war er Krisenreporter. Weiter südlich der riesige qualmende Trümmerhaufen. Die Szene war erleuchtet, in Körben hoch über den Trümmern Feuerwehrleute, die den Überblick bewahrten und den Baggerfahrern die Richtung wiesen. An dem Haufen suchten Hunderte nach Überlebenden. „Da ist alles siedend heiß“, sagte ein Feuerwehrmann. „Überall liegt Schutt herum, und man weiß nicht, ob man gerade auf eine Gasleitung hackt.“ Jeder Feuerwehrmann suchte auch nach ein, zwei, drei oder mehr Kollegen aus der eigenen Wache. Stahlstreben ragten mehr als zehn Stockwerke hoch in die Höhe Es war ein bizarrer Anblick: Stahlstreben, die sich einst senkrecht zum Himmel erhoben, waren von der Wucht des Aufpralls gekrümmt, verbogen, abgerissen und ragten mehr als zehn Stockwerke hoch in die Höhe. An den Seiten steckten Fassadenteile tief in der Erde. Die Fensterscheiben der Nachbargebäude waren zerborsten. Nationalgardisten, Feuerwehrleute und Freiwillige, oft ohne Schutzmaske, standen wie Ameisen in langer Reihe an dem Berg. Der Mann an der Spitze füllte mit Schaufel oder Händen die Eimer, reichte sie nach unten weiter, bis sie durch zwanzig, dreißig, vierzig Hände gegangen waren, unten anlangten und wieder hochwanderten. Auch mit Lärm gingen sie den Riesenberg an. Mit dem penetranten Piepen der rückwärtsfahrenden Lastwagen. Mit Motorsägen, Schneidbrennern, Presslufthämmern. Mit den Sirenen der Polizei und der Krankenwagen. Mit den Motoren der Raupen, Bagger, Kräne, Generatoren, mit dem Schmatzen der Reifen im Löschwasserschlamm. Der Berg sonderte einen schweren Gestank ab von glimmendem Stahl, schmorendem Plastik und Zementstaub. Die Kranfahrer pickten sich die Stahlträger heraus, legten sie vorsichtig auf den Boden, wo Schweißer sie in Stücke zerteilten. Die Bagger hoben die Träger und Brocken und Schutthaufen auf Lastwagen, die sie nach Staten Island fuhren, wo sie einzeln untersucht wurden, abgesucht auch nach kleinsten menschlichen Überresten. Am Abend danach: Fassadenteile des Nordturms ragen wie bizarre Skulpturen in den Nachthimmel. In den Tagen danach: Aufräumarbeiter versuchen, sich einen Überblick über den Trümmerberg zu verschaffen. „Engine 24“ und „Ladder 5“: Allein aus dieser Wache an der sechsten Avenue kamen elf Feuerwehrmänner ums Leben. Die Retter zogen viele Helfer an: Rotes Kreuz, Pfadfinder, Studenten, Rentner, Scientologen. Sie reichten Wasser, warmes Essen, Plätzchen, Kuchen, Obst, halfen beim Wegräumen des Schutts. Die Rettungskräfte konnten sich vor Freiwilligen kaum retten. Tausende meldeten sich, stellten sich an in langen Schlangen und wollten nicht mehr weggehen. Einige Tage nach der Katastrophe baten Gouverneur George Pataki und Bürgermeister Rudolph Giuliani schließlich, nicht mehr zu kommen, das half. Auch zum Feuerwehrhaus an der sechsten Avenue brachten Anwohner und Auswärtige in den nächsten Tagen Getränke, Essen, Süßes, Blumen. Vor der Wache Kerzen, Beileidsschreiben, Zettel mit Zuspruch: „God bless you!“ In der Halle Schilder an der Decke mit der Aufschrift „Engine 24“ und „Ladder 5“ für die beiden Großfahrzeuge. Aber unter den Schildern standen nicht Feuerlöschwagen 24 oder Drehleiterwagen 5, sondern Engine 308 aus Queens und Ladder 17 aus der Bronx, denn die beiden Fahrzeuge der Einheit wurden zerstört, elf Kollegen lagen unter den Trümmern. Hunderte jubelten den Rettungskräften zu Um neun Uhr war Schichtwechsel an jenem Dienstag, aber die Männer aus der Nachtschicht fuhren mit hinunter. In Metallschildern in der Wache waren die Namen der Feuerwehrleute eingraviert, die im Dienst ums Leben kamen. Der erste starb am 31. Juli 1880, der letzte am 3. April 1997 – neun Männer in 120 Jahren. Am 11. September 2001 waren es elf Männer an einem Tag. „USA! USA!“: Hunderte jubeln den Feuerwehrleuten zu, die von ihrem Einsatz am Schuttberg zurückkommen. In den nächsten Tagen wartete an jeder Straßenecke eine Geschichte. In ein Krankenhaus eilten sofort auch alle Ärzte und Krankenschwestern, die nicht im Dienst waren, aber so viele Verletzte, wie man angesichts des Ausmaßes der Katastrophe befürchtete, gab es gar nicht, weil die meisten Opfer umkamen. In der U-Bahn schaute eine Frau in die Zeitung ihrer Nachbarin und weinte. Am West Side Highway jubelten Hunderte jedem Wagen zu, der in die abgesperrte Zone fuhr oder aus ihr kam. Die Menschen hielten Fahnen in den Händen, spreizten Finger zum Victory-Zeichen und riefen „USA! USA!“ Am 12. September war die „New York Times“ mit ihren 28 Sonderseiten so begehrt, dass an der Zentrale der Zeitung am Times Square die Exemplare vom Lastwagen aus verkauft wurden – ein Mann schnitt die Stapel auf, der zweite verteilte die Zeitungen, der dritte kassierte; die Kunden standen in einer langen Schlange. An den Kiosken sahen die Magazine mit ihren Titelgeschichten vom vergangenen Wochenende dagegen schrecklich alt aus: „Britney: Engel oder Teufel?“ – „Diätwahrheiten, die Ihnen helfen“ – „Was ist heute sexy?“ Zeitungen sind begehrt: Allein dieser Händler verkauft Hunderte Exemplare der „New York Post“. Menschen suchten verzweifelt nach Angehörigen Und überall im Süden von Manhattan, an Bäumen, Zäunen, Mülltonnen und Werbetafeln, hatten Menschen Zettel aufgehängt auf der Suche nach Angehörigen: Namen, Arbeitsort, Kontaktdaten, Bilder mit Männern auf dem Sofa zu Hause, Frauen im Hochzeitskleid, einem Familienausflug, einem Abend im Restaurant. Auf einem der Fotos posierte ein lächelnder Mann auf der Staten Island Ferry, im Hintergrund die beiden Türme des World Trade Center. Im Financial District: Nach dem Terroranschlag ruhte das Geschäft an der New Yorker Börse tagelang. Mit Fotos und genauen Beschreibungen: Überall suchen Angehörige mit Aushängen nach Vermissten. In der Armory an der Lexington Avenue war die zentrale Vermisstenstelle. Die Schlange all der Menschen, die nach ihren Liebsten suchten, ging um das halbe Gebäude. Auch Lenny und Leona Zeplin suchten nach ihrem Sohn: Marc Zeplin, 33 Jahre alt, Bankangestellter, verheiratet, zwei Söhne im Alter von drei Jahren und neun Monaten. Die beiden waren schon in Krankenhäusern gewesen, hatten Zettel aufgehängt und viele Leute befragt. „Wir glauben daran, dass er durchgekommen ist“, sagte Lenny Zeplin. Auf einer Website im Internet stand der Name ihres Sohnes schon auf der Liste der Überlebenden. Bei Cantor Fitzgerald, für die ihr Sohn im 104. Stockwerk des Nordturms arbeitete, sagte man jedoch, auf diese Liste könne man sich nicht verlassen; bald darauf wurde sie aus dem Netz genommen. Der Finanzdienstleister aus den oberen Stockwerken war das Unternehmen mit den meisten Opfern: 658 Mitarbeiter kamen bei den Terroranschlägen um. Die Zeplins mussten einen siebenseitigen „Missing Person Report“ beim Roten Kreuz ausfüllen. Nach allem wurde da gefragt: Alter, Größe, Gewicht, Augenfarbe, Tätowierungen, Narben, Behinderungen, Schmuckstücke, Uhren, bevorzugte Zigarettenmarken, Umrisse der Zehennägel. Je genauer die Merkmale, desto einfacher später die Identifizierung. Ein Polizist und ein Psychologe stellten Fragen. Freiwillige Helfer begleiteten die Angehörigen, trösteten sie, gaben ihnen zu essen und zu trinken. Die Zeplins sollten erst viel später erfahren, was sie ahnten: Ihr Sohn war umgekommen. Um ihr Schicksal ins Positive zu wenden, gründeten sie die „Marc S. Zeplin Foundation“, die in seinem Namen weiter Kinder von World-Trade-Center-Opfern unterstützt. Kerzen, Zettel, Schleifen, Blumen, Kränze Und überall wurden Gedenkstätten errichtet. Die Bronzestatue von George Washington am Union Square hatte eine Flagge mit dem Friedenszeichen in der Hand, die Blesse seines Pferds bestand nun aus dem rosafarbenen Wort „pray“. Die beiden Steigbügel hielten die von goldenen Fransen gerahmte amerikanische Flagge, die unter dem Pferd wehte. Davor, dahinter, daneben Kerzen, Zettel, Schleifen, Blumen, Kränze. George Washington mit Friedensfahne: Am Union Square wird der Opfer gedacht. Alles äußerte man hier: aggressive Vergeltungsrhetorik, stille Trauer, pazifistische Aufrufe. Der physischen Auslöschung versuchte jemand metaphysisch zu begegnen. An einer Säule lehnte das Neue Testament. Aufgeschlagen war das Markus-Evangelium, angekreuzt Markus 13, 32: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ Ausstellung mit Fotos von Helmut Fricke Am 10. September um 18.30 Uhr wird die Fotoausstellung von Helmut Fricke über „9/11“ im „Massif Central“ in Frankfurt (Bethmannstraße 7–9) eröffnet. Die Ausstellung ist vom 11. bis zum 30. September zu sehen (Montag 11–16 Uhr, Dienstag bis Samstag 11–21 Uhr). Vom 22. bis 28. September sind einzelne Bereiche möglicherweise nur eingeschränkt zugänglich. Eintritt frei. Fotograf starb bei 9/11 Das letzte Bild Waldbrände in Chile Was kommt nach den Flammen?
