FAZ 08.03.2026
19:00 Uhr

0:0 bei St. Pauli: Diese Eintracht ist keine Gefahr


Auch im fünften Spiel unter Albert Riera ist die Eintracht defensiv stabil. Doch die Frankfurter sind auch schwunglos – und suchen mit dem neuen Coach noch ihr Offensiv-Konzept.

0:0 bei St. Pauli: Diese Eintracht ist keine Gefahr

Als schon fast alles vorbei war, machte Jonathan Burkardt auf sich aufmerksam – er rief, er winkte, er regte sich auf, denn tief in der Nachspielzeit hätte er gern den Ball noch einmal gehabt. Die Sekunden verstrichen, und sein Gegenspieler Hauke Wahl wich ihm auch beim letzten Eckballs Ritsu Doans nicht von der Seite. „Hauke ist ein super Verteidiger, ich hatte ihn immer im Rücken, er ist körperlich sehr stark – er hatte mich gut im Griff“, sagte der Frankfurter Nationalspieler, als das 0:0 in den Büchern stand. Wahl revanchierte sich nach dem Punkt entsprechend: „Ich hasse es, gegen ihn zu spielen. Er ist einer der besten deutschen Stürmer.“ So respektvoll wie nach dem Abpfiff waren der FC St. Pauli und die Eintracht auch während der umkämpften 98 Minuten miteinander umgegangen; die faire Partie endete offenbar in dem Gefühl, dass das torlose Remis der gerechte Lohn für beide Seiten war – so sah es auch Burkardt, der seine Gefährlichkeit am Sonntagnachmittag kaum mal ausspielen konnte: „Wir hatten einige, wenige gute Chancen, aber solche Tage gibt es. Wir hatten viel Kontrolle, aber wenig Möglichkeiten.“ Burkardt selbst konnte seine Ballsituationen an den Fingern beider Hände abzählen. Doch allzu unzufrieden wollten die Profis der Eintracht nicht sein: „St. Pauli ist gerade zu Hause eine wirklich gute Mannschaft, besser, als es ihr Tabellenstand vermuten lässt“, sagte Verteidiger Nnamdi Collins, „wir können darauf aufbauen, kein Gegentor gekriegt zu haben.“ Achterbahn und Geisterbahn Zweimal waren die Eintracht-Akteure allerdings knapp davor, am ausverkauften Millerntor in Rückstand zu geraten: erst traf Mathias Pereira Lage nach einem Hamburger Eckball nur den Außenpfosten (24. Minute), dann malheurte Danel Sinani das Gleiche sieben Minuten später. Der Frankfurter Anfangs-Schwung war da schon erlahmt, hatten sie doch vehement losgelegt mitten in der Stadt, die sich auf den Frühlings-Dom vorbereitet, wie die Gerüste für Achterbahn und Geisterbahn auf dem nahen Heiligengeistfeld erahnen lassen. Für sightseeing hatte Albert Riera aber keine Zeit; er coachte seine Mannschaft nach vorn, die mit Farès Chaibi in der Startelf drückte und drängte, sich gegen den tiefen Pauli-Block aber die Zähne ausbiss. Der letzte Auswärtssieg liegt ja lange zurück, im November in Köln, da sollte unter dem neuen Coach etwas Besseres her. Doch der FC zeigt sich seit der kurzen Winterpause daheim stabil, selbstbewusst, siegessicher. Hoch presste St. Pauli, machte das Feld eng, ließ wenig schwungvolle Frankfurter Angriffe zu. Das erkannte auch Riera später an: „Jedes Spiel in der Bundesliga ist schwierig. Auch dieses heute gegen einen Gegner mit 100 Prozent Einsatz. Wir haben sehr gut verteidigt. Und das, was ich versprochen habe, habe ich auch heute gesehen – wir spielen immer mit Einsatz und Leidenschaft. Das habe ich den Jungs auch gerade in der Kabine angesehen. Wir hätten vorn etwas direkter spielen müssen, um Johnny ins Spiel zu bekommen. Tempowechsel haben auch gefehlt. Und schneller müssen wir sein. Aber das werden wir noch verbessern. Es gibt nichts, worüber ich mich beschweren müsste.“ Volle Dröhnung St. Pauli Verbal bringt dieser Spanier jedenfalls sehr viel Schwung rein – an eine Eintracht, die sich daran misst, keine Gegentore zu schlucken, muss man sich nach den vielen Jahren der Offensiv-Spektakel allerdings gewöhnen. Oder darauf vertrauen, dass Riera seinem Team auch bald mehr Verve einhaucht. Er ist ja erst vier Wochen da. Sein analytischer Wortschwall, auf Englisch vorgetragen, bringt jedenfalls alle ins Schwitzen, die hauptberuflich übersetzen. In einem intensiven Spiel voller Zweikämpfe blieb der Fußball oft auf der Strecke. Zunächst ließ Schiedsrichter Felix Zwayer viel laufen, dann entschied er 50:50-Duelle gern gegen den FC – endlich erlebte man mal wieder ein Millerntor, das seinem Ruf gerecht wurde. Laut, wild, ekstatisch: ihren Anteil hatten auch geschätzte 3000 SGE-Fans, die mit einer feinen Choreo und starkem Support an der Seite ihres Vereins blieben. Das war die volle Dröhnung St. Pauli. Auch wenn auf dem sattgrünen Rasen vieles daneben ging. Ähnlich wie beim 1:1 in Berlin hatte die Eintracht je mehr Spielanteile, desto länger die Partie lief. Seinerzeit hatte Union die Führung spät ausgeglichen. Diesmal übernahmen die Frankfurter gerade über die linke Seite mit dem zunehmend guten Nathaniel Brown ab der 70. Minute die Regie, aber ohne gute Möglichkeiten außer Burkardts Kopfball in der 84. Minute. St. Pauli wählte den tiefen Block mit Konteroption. „Ein Gegner aus der Champions League“ Allerdings verteidigte der FC auch geschickt, hatte mit Wahl und Eric Smith die Kopfballhoheit – und schon in der 64. Minute viel Glück gehabt, dass Tomoya Ando weitermachen durfte: sein zweites Foul innerhalb weniger Minuten war Platzverweis-würdig. Das fand auch Kapitän Robin Koch; seine Überzeugungsarbeit genügte jedoch nicht, Zwayer zu überzeugen. Alexander Blessin tauschte den Japaner lieber schnell aus, um in Gleichzahl weitermachen zu dürfen. Ein letztlich gerechtes Resultat fand der Trainer der „Paulianer“ letztlich: „Wir nehmen den Punkt gern mit gegen einen Gegner, der aus der Champions League kommt.“ Als Siebter mit 35 Punkten ist Eintracht Frankfurt allerdings davon weit entfernt, aber was sagte Albert Riera am Sonntagabend: „Wir sind erst vier Wochen zusammen. Es ist unmöglich, dass dann schon alles perfekt ist.“